Carsten Hirschberg

IPL-Magazin 39 | April 2017 | Autor: Carsten Hirschberg

Studie mit Aufruf

 

Jeder Mensch hat eine innere biologische Uhr, die u. a. die allgemeine Leistungsfähigkeit und das Konzentrationsvermögen im Laufe eines 24-Stunden-Tages steuert. Die Anpassung der inneren Uhr an die so genannte Außenzeit ist individuell verschieden und genetisch festgelegt.
 

Die Chronobiologie teilt die Menschen aufgrund der unterschiedlichen biologischen Rhythmen in verschiedene Chronotypen ein:  Ein Frühaufsteher gehört zu den frühen Chronotypen, den „Lerchen“, ein Langschläfer zu den späten Chronotypen, den „Eulen“. Zwischen diesen frühen und späten Typen gibt es in Abstufungen, die als intermediär bezeichneten Chronotypen, zu denen der größere Teil der Bevölkerung gehört.

Schichtarbeit erfordert  Konzentration zu Uhrzeiten,  die nicht immer zum Chronotyp des Tätigen passen. So erfordert die übliche Frühschicht Konzentration zwischen 6:00 Uhr und 14:00 Uhr. Eine Uhrzeit, zu der ein später Chronotyp noch nicht in der Lage ist sich zu konzentrieren. Die Nachschicht erfordert Konzentration zwischen 22:00 Uhr und 6:00 Uhr; hierzu ist aber ein Frühtyp nicht mehr in der Lage. Darüber hinaus kann es zu kumulierten Effekten kommen, wenn mehrere Tage hintereinander in einer für den Chronotyp nicht passenden Schicht gearbeitet werden muss.

 

Stand der Erkenntnis
In einer Vorstudie (Kooperation von IFA und Siemens mit Unterstützung der BGETEM) wurde der Einfluss der Schichtzuteilung auf das Unfallgeschehen untersucht. Aus vier Siemens-Werken nahmen 66 Schichtarbeiter mit einem meldepflichtigen Arbeitsunfall teil. Als „Kontrollgruppe“ wurden die Chronotypverteilung der Allgemeinbevölkerung und die durchschnittliche Schichtverteilung in den vier Siemenswerken (52 % Frühschicht, 34 % Spätschicht, 14 % Nachtschicht) für die Vergleichsbevölkerung zugrunde gelegt.

In der Auswertung wurde ermittelt, wie viel Prozent der Vergleichsbevölkerung theoretisch in falscher Schicht arbeiten. Dieser Anteil wurde mit dem Anteil der verunfallten Studienteilnehmer verglichen, die laut Befragung in falscher Schicht gearbeitet haben. 

Die Früh- und Spättypen hatten beim Arbeiten in falscher Schicht ein um 80 % höheres Risiko, einen Arbeitsunfall zu erleiden. Das Risiko für einen Arbeitsunfall steigt darüber hinaus, je weiter die Arbeitszeit in das chronobiologisch bevorzugte Schlafenszeitfenster hineinragt. Geht man davon aus, dass das Unfallrisiko maßgeblich durch Müdigkeit erhöht wird, scheint eine Risikobetrachtung unter Berücksichtigung des Chronotyps geboten.

Obwohl das Thema Chronobiologie in der Literatur seit rund 40 Jahren bearbeitet wird, gibt es bis heute keine Ergebnisse, die eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen dem Chronotyp, der Lage der Arbeitszeit und dem Unfallrisiko herstellen. Mithilfe einer neuen Studie des IPL soll nun ermittelt werden, ob und welchen Einfluss eine „falsche“ Schichteinteilung auf die Unfallrate bei Arbeitsunfällen hat.

Die beschriebene Vorstudie hatte wenig Teilnehmer und wurde nur in einem Unternehmen durchgeführt. Darüber hinaus gab es - wie in allen bisherigen Untersuchungen - keine Kontrollgruppe. Aus den Ergebnissen der Vorstudie sowie der Erhebung der Chronotypen im Rahmen der üblichen Unfalluntersuchungen lassen sich lediglich begründete Hypothesen ableiten. Die Trends aus den Ergebnissen der Vorstudie sollen in weiteren Branchen und Unternehmen geprüft werden, um belastbare und umsetzbare Ergebnisse zu erzielen. Durch einen Mix an Branchen und Unternehmen fließen verschiedene Schichtsysteme in die Auswertung ein. Wissenschaftlich fundierte Aussagen über den Zusammenhang von Schlafqualität/-quantität, „falscher“ Schicht und Arbeitsunfallrate sind bisher nicht bekannt. 

Mit den Fragestellungen zur Erhöhung des Unfallrisikos bei Schichtarbeitern, wenn sie chronobiologisch gesehen in der „falschen“ Schicht arbeiten, und zum Einfluss der Länge der Arbeitszeit und der Schichtabfolge auf das Unfallgeschehen besitzt die Studie ein Alleinstellungsmerkmal.

 

Zielsetzung und Fragestellungen
Ziel der Studie ist die Erhebung der chronobiologischen Belastung durch Schichtarbeit und die Ermittlung eines möglichen Zusammenhangs mit der Unfallrate, um geeignete Präventionsmaßnahmen abzuleiten. 

Damit würden die Möglichkeit geschaffen, Arbeitsunfälle durch chronotyp-optimierte Schichteinteilungen (Frühtypen gehören nicht in die Nachtschicht und Spättypen nicht in die Frühschicht) zu reduzieren. (Hypothese 1)

Schichtpläne, -zeiten und -dauer, die einem Arbeitsunfall vorausgehen,
werden detailliert erfasst, da mehrere „falsche“ Schichten in Folge zusätzlich das Unfallrisiko erhöhen können. (Hypothese 2)

 

Zum Erreichen dieser Ziele sollen die folgenden Fragen beantwortet werden:

  1. Ist das Unfallrisiko bei Schichtarbeitern erhöht, wenn sie chronobiologisch gesehen in der „falschen“ Schicht arbeiten?

  2. Haben die Länge der Arbeitszeit, der Arbeitsbeginn und die Schichtabfolge einen Einfluss auf das Unfallgeschehen? Variiert dieser Einfluss je nach Chronotyp?

  3. Haben Schlafdefizit, Schlafqualität und Schlafdauer einen Einfluss auf das Unfallgeschehen? Variiert dieser Einfluss je nach Chronotyp?

 

Zielgruppen möglicher Ergebnisse sind alle Personen, die an der Schichtplanung und Schichteinteilung in den Betrieben beteiligt sind, sowie die Fachkräfte für Arbeitssicherheit und betriebliche Gesundheitsmanager. Die Berufsgenossenschaften, Berater und Gesetzgeber können die Erkenntnisse nutzen, um in Leitfäden und Regelwerken die Relevanz des Chronotyps zu berücksichtigen. 

Die Empfehlungen und Handlungsanleitungen werden differenzierter und individueller im Sinne einer gesundheitsgerechten Gestaltung von Schichtarbeit. Die Ergebnisse werden in nationalen und internationalen einschlägigen Medien publiziert. Durch die Kenntnis des eigenen Chronotyps können ergonomische Schichtpläne formuliert werden.

Auch im Hinblick auf die demografische Entwicklung sind differenzierte Empfehlungen notwendig, da immer mehr ältere Schichtarbeiter aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen die Befreiung von der Nachtschicht beantragen. 

Die Studie ermöglicht die altersbezogene Auswertung und die Ableitung von Präventionsmaßnahmen für altersgerechte Schichtpläne und Schlafempfehlungen.

 

Relevanz der Studie
Die Erkenntnisse zum Zusammenhang von „Lage der Arbeitszeit, Chronotyp und Unfallgeschehen“ lassen sich auf alle Schichtarbeiter und unterschiedliche Tätigkeitsbereiche übertragen. Und nicht nur Wechselschichtarbeiter sind betroffen, sondern alle Erwerbstätigen, die durch festgelegte Arbeitszeiten weitreichende Einschränkungen bei ihren gewohnten Schlafenszeiten hinnehmen müssen.

>> Im Rahmen einer Zusatzerhebung zum Mikrozensus 2013 wurde die Zahl der Schichtarbeiter mit 5,9 Mio. erhoben. Das entspricht einem Schichtarbeiteranteil an der Erwerbsbevölkerung von 14,2 %

>> Es gab 2013 insgesamt 874.514 meldepflichtige Arbeitsunfälle (ohne Wegeunfälle). Geht man von einem Schichtarbeiteranteil von 14,2 % aus, so entfielen statistisch gesehen 124.181 meldepflichtige Arbeitsunfälle auf Schichtarbeiter.

Bei einer sehr konservativen Annahme von 5 % Schichtarbeitern in der „falschen“ Schicht entfallen mehr als 6000 meldepflichtige Arbeitsunfälle jährlich auf diese Gruppe. Die Berücksichtigung des Chronotyps bei der Schichteinteilung und eine chronotypbasierte Schlafberatung bergen erhebliches Potenzial zur Unfallvermeidung.

 

Praktische Umsetzung der Ergebnisse
Eine  erhöhte Unfallrate beim Arbeiten in chronobiologisch ungünstig gelegenen Schichten kann zu einer stärkeren Berücksichtigung des individuellen Chronotyps bei der Schichtplangestaltung führen.  In nationalen und internationalen Regelwerken sowie Leitfäden und Handreichungen können diese Erkenntnisse verwendet werden. Unfallversicherungsträger und Unternehmen können in Leitfäden und Handreichungen auf die Beachtung des Chronotyps hinweisen. Auch Sicherheitsfachkräfte können als Multiplikatoren geschult und unterwiesen werden. 

Konkrete Handlungshilfen, wie beispielsweise ein einfacher Fragebogen zur Chronotypisierung der Schichtarbeiter würden Betriebsärzten zur Einstellungsuntersuchung von Schichtarbeitern zur Verfügung gestellt. In Unternehmen wäre damit die Selbstorganisation in Gruppen auch nach arbeitsmedizinischen Gesichtspunkten möglich, z. B. beim Transport von Gefahrenstoffen über größere Distanzen: Eule + Lerche gemeinsam.

 

Die Studienergebnisse werden in der Praxis für folgende Zwecke verwendet:

  • Neubewertung des Gefährdungspotenzials von Schichtarbeit unter Berücksichtigung des Chronotyps.
  • Unterstützung der Gefährdungsbeurteilung für Schichtarbeitsplätze mit sehr frühem Arbeitsbeginn und Nachtschichtbetrieb.
  • Wissenschaftlich fundierte Beratung von Betrieben im Rahmen von Präventionsmaßnahmen.
  • Ableitung von Empfehlungen zu Schichtsystemen und Schlafmustern in Abhängigkeit vom Chronotyp und Alter.

 

Aufruf

Haben Sie als Unternehmen Interesse an dieser Studie mitzuwirken oder diese mitzufinanzieren?

Mehr Informationen bei:

Institut für Produktionsmanagement und Logistik GmbH
An der Hochschule München

Herrn Carsten Hirschberg (Projektleiter)

Lothstrasse 64
80335 München

Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!