IPL-Magazin 36 | Juni 2016 | Autor: Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier

Was Unternehmen wirklich voran bringt

Weiterbildung in Unternehmen…geliebt und gehasst gleichermaßen.

 

Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier

Auf der einen Seite wollen Unternehmen gut ausgebildete Mitarbeiter und diese wollen häufig auch die Weiterbildungen wahrnehmen. Auf der anderen Seite kosten gute Weiterbildungen, egal ob extern oder inhouse, in der Regel viel Geld. Und es bleibt bei den Kosten nicht nur bei den reinen Seminarkosten. Häufig kommen noch Übernachtungskosten, Spesen und Fahrtkosten hinzu. Und zusätzlich entstehen Kosten durch die Abwesenheit des Arbeitnehmers von seinem Arbeitsplatz, den dieser muss ja weiterhin bezahlt werden, ohne dass er an den Tagen der Weiterbildung für das Unternehmen arbeitet. Und schließlich die Frage, ob sich denn die Weiterbildung in vielerlei Hinsicht gelohnt hat oder eben nicht.

Ein effektives Bildungscontrolling gibt es in vielen Unternehmen Nicht. Es ist  schwierig zu erfassen, ob der Mitarbeiter durch die Weiterbildung wirklich produktiver oder effizienter geworden ist.

Auf die Frage, ob Weiterbildung wichtig ist, beantworten die verantwortlichen Führungskräfte regelmäßig in Befragungen mit einem klaren JA. Und bei der Frage, welchen Stellenwert Weiterbildung im jeweiligen Unternehmen genießt, wir meistens „hoch“ oder „sehr hoch“ angekreuzt. Doch die Praxis sieht in den meisten Fällen anders aus. Viele Unternehmen scheuen sich doch viele Unternehmen aufgrund der aktuellen Marktlage vor den Weiterbildungskosten oder vor dem Verlust oder Gehaltsforderungen des Mitarbeiters nach einer erfolgreichen Weiterbildung. Doch Weiterbildung anzubieten, ist eine Chance für das Unternehmen, die bei richtiger Auswahl des Weiterbildungspartners und des Weiterbildungsangebots erfolgreich genutzt werden Kann.  Das zeigt im Folgenden ein Beispiel aus der IPL-Praxis.

Der Kunde kommt aus dem Automobilbereich und ist zuständig für die Teileversorgung der Händler. Um diese Aufgabe erfolgreich zu erledigen, gibt es bundesweit verschiedene Vertriebszentren, in denen für den Großteil der Teile dezentral, für bestimmte Teile jedoch zentral disponiert wird. Jahrelang wurden die Disponenten in diesem Unternehmen von Weiterbildungsmaßnahmen ausgeklammert, was zu Beginn zu einer gewissen Skepsis gegenüber der angesetzten Schulung führte.
 
Zielsetzungen der zweitägigen Maßnahme war, dass jeder Teilnehmer mehr Verständnis und Hintergrundwissen für das hauseigene Dispositionssystem erlangt. Darüber hinaus sollten sich die Teilnehmer ihrer Verantwortung und Bedeutung für ihre Aufgaben innerhalb des Unternehmens bewusst werden. Problem ist, dass das Dispositionssystem immer wieder Dispositionsvorschläge macht, die dem „Bauchgefühl“ des Disponenten zuwider laufen, er sich aber den Grund für diesen Vorschlag auch nicht erklären kann. Folge ist, dass der Disponent diesen Vorschlag entweder annimmt oder ablehnt, was gegebenenfalls eine Über- oder Unterbevorratung zur Folge hat. Beides ist in einem Unternehmen nicht gewünscht.

Die Initiatoren dieses Projekts waren die Personalabteilung, die Dispositionsverantwortlichen sowie das Institut für Produktionsmanagement und Logistik an der Hochschule München. Als Ausführende der Seminare für die Disponenten konnten drei überaus erfahrene Mitarbeiter des Unternehmens sowie Herr Diplom-Ökonom Carsten Hirschberg vom IPL gewonnen werden.
 
 
Abb.1: „In Action“ - Einer der fünf Referenten:  Carsten Hirschberg
 

Insgesamt wurden bundesweit 7 Termine zu je 2 Tagen durchgeführt und damit mehr als 100 Disponenten erfolgreich weitergebildet. Da die alleinige Weiterbildung der Disponenten als nicht sinnvoll erschien, wurden die jeweiligen Dispositionsleiter in den Vertriebszentren gesondert mit einem erweiterten Inhalt ebenfalls weitergebildet. Bei einigen Führungskräften war das Interesse so groß, dass sie ebenfalls an den Seminaren für die Disponenten teilnahmen. Zu Beginn jeden Seminars wurden die typischen Erwartungen abgefragt und dokumentiert. Schnell kristallisierten sich als „typische“ Erwartungen Begriffe wie „neues Wissen“ und „Hintergrundwissen“ zur Disposition allgemein sowie zum Dispositionssystem sowie zu dessen zukünftiger Entwicklung heraus. Unsicherheiten zu verringern, die eigene Arbeit zu optimieren als auch Tipps und Tricks gezeigt zu bekommen, waren oft genannte Statements. Last but not least war auch das Networking und besonders der Erfahrungsaustausch den Teilnehmern sehr wichtig, denn einige kannten sich bereits jahrelang per Telefon und lernten sich nun im Rahmen dieser Maßnahme erstmals persönlich kennen.

Die Pilotschulung fand im April 2014 in der Hochschule in München statt als Testlauf für die geplanten bundesweiten Schulungen. Nicht nur für die „Piloten“ der OTLG war die erste Schulung eine Herausforderung, auch für die Referenten war es eine spannende Aufgabe.
 
In der anschließenden Evaluation durch die Teilnehmer wurde bestätigt, dass Herr Hirschberg sein Wissen sehr gut vermitteln konnte. Nach der erfolgreichen Pilotveranstaltung und den daraus resultierenden Optimierungen ging es in den folgenden 18 Monaten als Gast in die verschiedenen Vertriebszentren. In offenen Gesprächen und Diskussionen näherten sich die Teilnehmer dem Zauberwort “Disposition“ und lösten dabei erfolgreich die ihnen gestellten Aufgaben. So mussten sie per Hand einfach mal ausrechnen, welche Kosten entstehen, um dann zu entscheiden, wann manuelle Disposition sinnvoll ist und welche Vorgänge hervorragend vom System erledigt werden können. Fragezeichen auf der Stirn verwandelten sich schnell in „Aha, ich hab‘s verstanden!“. Der Inhalt dieser Seminarreihe sprach sich schnell rum und so konnten Teilnehmer aus anderen konzerneigenen Tochtergesellschaften begrüßt werden, wollten doch alle wissen, wie man richtig(er) disponiert. Nachdem die Disponenten erfolgreich weitergebildet wurden, waren schließlich auch deren Chefs, die Dispoleiter, an der Reihe. Neben den Thematiken der Disponenten wurden sie u. a. noch mit dem wichtigen Bereich Controlling vertraut gemacht.
 
 
Abb.2: Aktiver Austausch der Seminar- Teilnehmer

        
Am Ende jedes Seminars wurde dann eine Evaluation durch die Teilnehmer durchgeführt. Die im Rahmen dieser Beurteilung auftauchenden Kritikpunkte wurden im Lauf der Durchführung der Seminare praktisch abgearbeitet und die Seminarreihe entsprechend kontinuierlich optimiert. Durchgängig wurde die aktive Einbeziehung der Teilnehmer und die Praxisnähe der Weiterbildung gelobt. Darüber hinaus wurden die Referenten überaus positiv bewertet und als kompetent und dabei locker im Umgang mit den Teilnehmern beschrieben. Inhaltlich kamen häufig Anmerkungen, dass der Disponent jetzt versteht, wie das Dispositionssystem „denkt“, da er nun den Hintergrund zu diesem System kennt.

Das liegt in den Augen der Teilnehmer sehr stark daran, dass Inhalte verständlich erklärt und durch die Teamarbeit gefestigt wurden. Wichtig war den Teilnehmern auch, dass es kleine Gruppen mit ganz unterschiedlichen  Altersklassen waren, wodurch ein angenehmer und persönlicher Umgang untereinander möglich wurde.
 
Für die Dispoleiter war das Seminar ebenfalls ein voller Erfolg.
Auch wenn diese sich regelmäßig treffen und daher kennen, war es positiv im Rahmen der zwei Tage fachlich miteinander zu diskutieren, Probleme darzustellen und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, die sonst so nicht möglich gewesen wären.

Am Ende stand auch hier eine überaus positive Evaluation, verbunden mit der Bitte nach mehr Weiterbildungen nicht nur für die Dispoleiter, sondern auch für die Kollegen der Disposition. Gerade diese bedürfen in Anbetracht der sich zukünftig ändernden Rolle der Disposition weitergehende Seminare, um diese für die Zukunft noch fitter zu machen.

Diesem Wunsch kann das Institut für Produktionsmanagement und Logistik durch einen eigenen Inhouse-Lehrgang Rechnung tragen, an dem die besten 15 Disponenten, die sich in den Seminaren herauskristallisiert haben, teilnehmen werden, um zukünftig als Multiplikatoren im Unternehmen zu wirken. Darüber hinaus können und werden weitere Mitarbeiter dieses Unternehmens in Zukunft an unseren Seminaren teilnehmen, da die Zufriedenheit insgesamt sehr hoch ist.