IPL-Magazin 28 | Juli 2014 | Autor:  Manuel Fuchs

...unter Aspekten des Klimawandels
 
Manuel Fuchs„Die Gefahren des Klimawandels gehören zu den größten Herausforderungen für die Menschheit im 21. Jahrhundert“ (Angela Merkel 2007).

Dreizehn der vierzehn wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen werden in diesem Zeitraum gemessen. Ein anthropogenes Mitverschulden gilt dabei mittlerweile als wissenschaftlich erwiesen. Extremwetterereignisse und Veröffentlichungen des Weltklimarates rufen den Klimawandel zwar zunehmend in das öffentliche und politische Bewusstsein.

Doch selbst erfolgreiche internationale Bemühungen zum Klimaschutz können eine Erwärmung der Erde kurzfristig nicht aufhalten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden klima- und wetterbedingte Extreme zunehmen. Der Klimawandel wird die Welt wie wir Sie kennen entscheidend ändern.
Gleichzeitig zu diesen klimatischen Entwicklungen nimmt die Anfälligkeit der Lieferkette durch globalen Einkauf, Single Sourcing und Bestandsoptimierung stetig zu. Die Erdbevölkerung wächst bis zum Ende des Jahrhundert auf über 9 Mrd. Menschen. Die Herausforderungen für die Logistik steigen damit dramatisch an. Im Rahmen global vernetzter Beschaffungs- und Absatzmärkte sind immer mehr Menschen mit Nahrungsmitteln und anderen Waren zu versorgen, die Transportwege durch klimatische Einflüsse immer öfter unterbrochen.

So führte die Hochwasserkatastrophe in Thailand vom Oktober 2011 nicht nur zu Gesamtschäden von über 8. Mrd. US Dollar, sondern auch zu verheerenden Auswirkungen auf die Lieferketten internationaler Großunternehmen. Durch die Überflutungen von sieben thailändischen Industrieparks musste der größte japanische Automobilkonzern Toyota drei seiner Werke schließen. Am schwersten betroffen war allerdings Honda. Insgesamt wurden 35 Hauptlieferanten überflutet. Die Produktion Hondas musste daraufhin in Japan, Großbritannien und Brasilien heruntergefahren werden. Unternehmen brauchen mitunter Jahre, um sich von den Folgeschäden solcher Katastrophe zu erholen.



Kernkonzept des SREX


Während Klimaschutz (Mitigation) auf eine Reduktion der Treibhausgasemissionen zielt, beschäftigt sich das junge Forschungsfeld der Klimaanpassung (Adaption) mit Strategien zur Bewältigung der unvermeidbaren Folgen von Klimawandel und Extremwetterereignissen. In der Politik wird heute eine integrale Betrachtung beider Ansätze betont.

Neben vielen nationalen Anpassungsstrategien veröffentlicht 2008 auch die Deutsche Bundesregierung eine Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel (DAS). Zur Weiterentwicklung der DAS wird 2011 vom Bund eine Priorisierung von Klimarisiken und Handlungserfordernissen in den einzelnen Sektoren gefordert.

In diesem Rahmen fördert das Bundesumweltministerium 2014 das Projekt FlexLogistics, um die Forschungslücke zu schließen und die Auswirkungen des Klimawandels auf Infrastruktur und Wertschöpfungsketten für exponierte industrielle Produktionen in Deutschland zu ermitteln.

Mit dem Vorhaben wird das Ziel verfolgt, die gesamte Logistik auf alle bereits vorhersehbaren und noch unbekannten Folgen des Klimawandels auszurichten und zu stabilisieren. Die Ergebnisse sollen in Form von Schulungen, Trainings und Veranstaltungen sowie über Medien an Zielgruppen mit Schnittmenge zur Logistik weitergegeben werden.

Unabhängig von klimatischen Aspekten entstehen dabei auch Konzepte die Supply Chain flexibler und widerstandsfähiger gegen störungsbedingte Unterbrechungen zu machen. Dazu werden in dem Projekt die wissenschaftliche und praktische Expertise des Instituts für Produktionsmanagement und Logistik sowie die der Logistik Akademie vereint.

Seitens des IPL erfolgt in einem ersten Projektschritt in diesem komplexen und interdisziplinären Gebiet der Status der aktuellen Forschung aufzuzeigen. Das Vorgehen orientiert sich dabei an dem Modell aus dem Sonderbericht Managing the Risks of Extreme Events and Disasters to Advance Climate Change Adaptation (SREX) des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) 2012.

Das Kernkonzept des SREX beschreibt das Schadensrisiko (Disaster Risk) für Volkswirtschaften und Unternehmen als dynamische Funktion vom Ausmaß klima- und wetterbedingter Extreme und der Vulnerabilität (Vulnerability) und Ausgesetztheit (Exposure) des jeweiligen Systems. Dabei können geeignetes Risikomanagement (Disaster Risk Management) und Anpassungsmaßnahmen (Climate Change Adaption) helfen, die Vulnerabilität und Exposition gegenüber klima- und wetterbedingten Extremen zu reduzieren und die Widerstandsfähigkeit gegenüber unausweichlichen Klimarisiken erhöhen.

Der Klimawandel wird hier als Folge natürlicher oder externer, anthropogener Kräfte, beschrieben. Diese wertungsfreie Herangehensweise erweist sich als robuster gegenüber verschiedenen Szenarien zukünftiger Treibhausgasemissionen.

Das SREX-Model wird auf eine stabile Materialversorgung übertragen und das Gesamtrisiko anhand der Risikotreiber Wetterextreme, sowie der Exposition und Vulnerabilität der Supply Chain ermittelt. In einem nächsten Meilenstein wird der aktuelle Forschungsstand in diese Risikolandschaft abgebildet und ist die Basis für den weiteren Projektverlauf.

 


Quellenangabe:
IPCC (2012), Managing the Risks of Extreme Events and Disasters to Advance Climate Change Adaptation, Cambridge University Press