Dominik Sachsenhauser

IPL-Magazin 40 | Juli 2017 |

Dominik Sachsenhauser

Siemens AG, Project Manager Industrial Engineering and Retionalization

Förderung der Ownership Culture

 

Ein Erfahrungsbericht

Das Thema Ergonomie ist in aller Munde. Sei es bei der Industrie-Meisterausbildung, beim REFA-Grundschein oder MTM-Praktiker, im Bereich Arbeitssicherheit oder im Gesundheitsmanagement.

Der demographische Wandel und die längere Lebensarbeitszeit zwingen die Unternehmen und die Gesellschaft als Ganzes zum Handeln. In der praktischen Umsetzung von Ergonomie tun sich viele Firmen jedoch schwer. Die erste Hürde ist oftmals der erste Schritt, die Arbeitsplatzbewertung.


Hierbei tauchen viele Fragen auf:

  • Nach welchen Gesichtspunkten kann die Ergonomie objektiv bewertet werden?
  • Welches der vielen Bewertungsverfahren soll genutzt werden?
  • Wie kann das Verfahren reproduzierbar angewandt und gebenchmarkt werden?
  • Wie hoch sind die Kosten für Ausbildung, Anwendung und Umsetzung?
  • Wie kann zur Abschätzung der Wirtschaftlichkeit eine Aufwand-Nutzen-Abschätzung durchführt werden?


Sind all diese Fragen beantwortet, wird alles wieder in Frage gestellt, sobald die Verhaltensergonomie betrachtet wird. Denn…der Arbeitsplatz kann noch so gut gestaltet sein. Was nutzt dies, wenn der Mitarbeiter die Methoden und Werkzeuge nicht wie geplant anwendet? Eigenoptimierung, fehlendes Anlernen bzw. Unterweisen, hohe Mitarbeiterfluktuation und -rotation sowie ständige Änderungen am Produktmix lassen den hellsten Nordstern der Ergonomie in kürzester Zeit zu einem kleinen Lichtlein verblassen. Der ausgewiesene Nutzen kann nicht bestätigt werden und aus einer anfangs mit Motivation und Engagement betriebenen Ergonomieinitiative wird ein lästiges Thema.

Vor dieser Problematik stand auch das Siemens Motoren- und Anlagenwerk Nürnberg (NMA). Dabei ist klar, nur durch die Kenntnisse und die Mitarbeit der Werker vor Ort kann die Bereitschaft Veränderungen anzunehmen und gleichzeitig an ihrer Verhaltensergonomie zu arbeiten, erzielt werden.

Wie schon bei den Themen Lean Manufacturing, Industrie 4.0 und Qualität, steht auch hier das Thema Change Management im Vordergrund. Das heißt: Wie kann man die Mitarbeiter dazu bringen, Ergonomie zu beherzigen und die eigene Denk- und Handlungswelt dafür zu öffnen?

 

Abb.1: Schrittweise Einführung des NMA Ergonomie-Managements
Abb.1: Schrittweise Einführung des NMA Ergonomie-Managements

 

 

Hierzu wurden aus den sehr umfassenden REFA-Fragebogen zur Ergonomie etliche Fragen gestrichen und zusammengefasst, so dass alle in der Fertigungswelt des EWA relevanten Punkte abgedeckt werden können. Die daraus entstandene Checkliste, welche leicht verständlich und aussagekräftig ist, kann den Mitarbeitern als KVP-Methode an die Hand geben werden. Die Checkliste besteht aus 94 Fragen, welche mit etwas Übung innerhalb von 30 Minuten, inklusive der Beobachtungszeit, ausgefüllt werden kann. Die Checkliste lässt dabei nur „Ja“, „Nein“ und „nicht_relevant“ als Antwort zu, frei nach dem bayerischen Maß „passt scho – passt niad“. Die subjektive Einschätzung des Mitarbeiters wird durch das 4-Augen-Prinzip relativiert. Das heißt, der Fragebogen wird gleichzeitig von zwei Personen getrennt voneinander ausgefüllt und anschließend abgeglichen Hierdurch kann die notwendige Akzeptanz bei den Mitarbeitern für das Ergebnis erlangt werden.

Basierend auf dieser Bewertung kann in KVP-Arbeit das ergonomische Verbesserungspotential identifiziert und mit abgeleiteten Maßnahmen die Ist-Situation im PDCA-Zyklus verbessert werden. “Low Hanging Fruits“ können anschließend selbst von einer Gruppe innerhalb ihres Aufgabengebiets realisiert werden. Schwierigere Themen und schwerwiegende Probleme werden über das Shopfloor Management an die zuständigen Stellen weitergegeben.

 

Abb.2: Der KVP-Schwimmring rettet den jeweiligen Arbeitsplatz. Ein Bestandteil: Die Ergonomie
Abb.2: Der KVP-Schwimmring rettet den jeweiligen Arbeitsplatz. Ein Bestandteil: Die Ergonomie

 

Die Praktikabilität dieser Vorgehensweise konnte über viele Projekte und Ausbildungsniveaus getestet werden und hat sich als belastbar erwiesen. Durch die Bewertung im eigenen Arbeitsumfeld und die selbständige Umsetzung vieler der identifizierten Maßnahmen wird die Akzeptanz der Mitarbeiter vor Ort sichergestellt und somit gleichzeitig ein funktionierendes Change Management praktiziert. Sowohl die Umsetzungswahrscheinlichkeit der erkannten Verbesserungsmöglichkeiten, als auch die Umsetzung in der Verhaltensergonomie, sind somit sichergestellt.

Indem der Mitarbeiter vor Ort über die KVP-Methode „ErgoCheck“ befähigt wird seinen eigenen Arbeitsplatz bzw. Arbeitsbereich ergonomisch zu verbessern, wird er in die Pflicht genommen im Sinne einer „Ownership Culture“ als Unternehmer in seinem eigenen Arbeitsumfeld aktiv zu werden und als Unternehmer zu handeln.

Auf diesem Wege lassen sich die Themen KVP, Lean Manufacturing, Ergonomie, Change Management und Ownership Culture vereinen. Daraus resultiert eine elegante und effiziente Art, Ergonomie langfristig und nachhaltig im Unternehmen zu etablieren.

Mit Hilfe dieser Vorgehensweise wird im NMA das Themenfeld der Ergonomie im Shop Floor auf breite Füße gestellt. Dennoch sind Ergonomieexperten in einem Unternehmen auch weiterhin unverzichtbar. Diese setzten das strategische Thema in ein proaktives unternehmerisches Handeln um. Dies beginnt nicht erst bei der Anlagen- bzw. Arbeitsplatzbeschaffung. Es beginnt schon im Produktdesign. Erste Erfolge konnten bereits mit ProKon von MTM generiert werden.

 


Über den Autoren:

Dominik Sachsenhauser

Siemens AG

bis 30.09.2016: Head of Industrial Engineering, Siemens AG, PD LD P MFNMA BA IE, Nürnberger Maschinen- und Anlagenwerk (NMA)
seit 01.10.2016: Project Manager Industrial Engineering and Retionalization, Siemens AG, DF FA MF EWA BE, Elektronikwerk Amberg (EWA)