Barbara Hirschwald

IPL-Magazin 39 | April 2017 |

Barbara Hirschwald

Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung

 

Im Jahr 2015 gab es im Bereich der Unfallversicherung der gewerblichen Wirtschaft und der Unfallversicherung der öffentlichen Hand durchschnittlich 22 meldepflichtige Arbeitsunfälle je 1000 Vollarbeiter. Die Unfallzahlen in Deutschland sind seit Jahren rückläufig; aber jeder Unfall ist einer zu viel. Eine Schichtplanung, die den Biorhythmus berücksichtigt, könnte dazu beitragen, Arbeitsunfälle zu vermeiden.

Der Biorhythmus oder Chronotyp des Menschen beeinflusst maßgeblich das Schlaf- und Wachverhalten. Frühtypen, die sogenannten Lerchen, sind schon morgens fit, während die Spättypen, auch als Eulen bezeichnet, abends noch hellwach sind. Typenanhängig schwanken Stoffwechsel, Organtätigkeit und Konzentrationsfähigkeit innerhalb eines Tages erheblich und damit auch die individuelle Leistungsfähigkeit. Für Spättypen kann frühes Aufstehen zu einem erheblichen Schlafdefizit führen, auch wenn sie sich bemühen, abends rechtzeitig ins Bett zu gehen. Frühtypen dagegen fällt es schwer, abends und nachts zu arbeiten, da zu dieser Zeit ihr Schlafbedürfnis am größten ist. 

Die Anpassung an die Jahreszeiten oder der Wechsel zwischen Zeitzonen gelingt durch eine Synchronisation der inneren biologischen Uhr mit dem Sonnenlicht. Arbeitszeiten, die in die bevorzugte Schlafenszeit fallen, verändern den Chronotyp nicht, da dieser genetisch festgelegt ist. Ihr physiologischer Effekt während einer Arbeitswoche gleicht dem eines Jetlags, in dessen Folge Schlafstörungen, verminderte Leistungsfähigkeit sowie Herz- und Stoffwechselerkrankungen auftreten können. Da es einen direkten Zusammenhang zwischen Schlafstörungen und Arbeitsunfällen gibt, ist ein Einfluss des Chronotyps auf das Arbeitsunfallgeschehen von Schichtarbeitern naheliegend.

80 Prozent der abhängig Beschäftigten arbeiten zwischen 7:00 und 19:00 Uhr, 13 Prozent haben Arbeitszeiten, die von diesem Zeitfenster abweichen und 7 Prozent arbeiten in Wechselschicht mit Nachtarbeit [1]. 

Die Forschungsergebnisse der letzten Jahre lassen einen erheblichen Einfluss des Chronotyps auf die Schichtarbeitstoleranz, die Schlafdauer und die Schlafqualität vermuten. Im Fahrsimulator machten Probanden mehr Fehler, wenn die Testzeit außerhalb ihrer chronobiologisch bestimmten Leistungsphasen lag. 

Um den Einfluss von Schichtarbeit und Chronotypen auf Schlafdefizit und Arbeitsunfälle zu untersuchen, wurde in einer Kooperation zwischen der Siemens AG, dem Institut für Arbeitsschutz bei der Deutschen gesetzlichen Unfallversicherung und der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse eine Pilotstudie durchgeführt. Beschäftigte im Schichtdienst aus Werken der Siemens AG, die innerhalb der letzten drei Jahre einen meldepflichtigen Arbeitsunfall hatten, wurden angesprochen. Betriebsärzte ordneten den mit einer standardisierten Befragung ermittelten Chronotyp den Unfallberichten zu. 

Um Kosten und Aufwand gering zu halten, wurde keine Vergleichsgruppe aus Beschäftigten ohne Arbeitsunfall (Kontrollen) befragt, stattdessen wurde die Verteilung des Chronotyps in der Allgemeinbevölkerung zugrunde gelegt. Die Auswertung zeigte als Trend, dass die sehr frühen Chronotypen und die sehr späten Typen beim Arbeiten in ungünstigen Schichten (Nacht- bzw. Frühschichten) ein erhöhtes Risiko für einen Arbeitsunfall hatten, d. h. ein steigendes Unfallrisiko, je weiter die Arbeitszeit in das chronobiologisch festgelegte Schlafenszeitfenster hineinragt.
(s. a. http://publikationen.dguv.de/dguv/pdf/10002/aifa0371.pdf)

 

Perspektivisch sollen die Forschungsergebnisse zur Reduzierung von Unfallrisiken und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren durch Schichtplanoptimierung genutzt werden. 

Weitere Studien zeigen, dass neben einer ungünstigen Kombination aus Chronotyp und Schichtarbeit auch die Schicht an sich einen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit haben kann. Flughafenmitarbeiter zeigten in Reaktionszeittests erhebliche Konzentrationsschwächen zu Beginn der Frühschicht und am Ende der Nachtschicht [2]. 

Celine Vetter hat in ihrer Dissertation 2010 u. a. den Einfluss der inneren Uhr und der Schlafdauer auf die Reaktionsfähigkeit von Schichtarbeitern im betrieblichen Setting untersucht. Die schlechteste Leistung zeigte sich in der Frühschicht und die beste Leistung gegen 19:00 Uhr in der Spätschicht. Eine deutliche Leistungsminderung wurde nach 16 bis 18 Stunden Wachzeit beobachtet [3]. 

Ältere Schichtarbeiter zeigen im Laufe der Nachtschicht eine stärkere Leistungsminderung als die von Vetter untersuchten jüngeren Kollegen mit einem Altersdurchschnitt von 25 Jahren.  

Forschungsbedarf besteht noch, um die Effekte dieser Faktoren und ihrer Kombination genauer quantifizieren zu können.

 


Kontakt zur Autorin:

Barbara Hirschwald


Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung

Referat Angewandte Epidemiologie 


Alte Heerstraße 111, 53757 Sankt Augustin

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Literatur

[1] Wöhrmann, A. M.; Gerstenberg, S.; Hünefeld, L.; Pundt, F.; Reeske-Behrens, A.; Brenscheidt, F.; Beermann, B.: Arbeitszeitreport Deutschland 2016, Dortmund. www.baua.de/dok/8137556

[2] Bonnefond, A.; Harma, M.; Hakola, T.; Sallinen, M.; Kandolin, I.; Virkkala, J.: Interaction of age with shift-related sleep-wakefulness, sleepiness, performance, and social life. Experimental aging research 32 (2006) Nr. 2, S. 185-208

[3] Vetter, C.: Clocks in Action - Exploring the impact of internal time in real life Dissertation, Fakultät für Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität (München) 2010