IPL-Magazin 29 | Oktober 2014 | Im Interview:

Franz-Josef Baumann, Director Supply, Chain Management, Wire & Cable Solutions Division,
BG Communication and Infrastructure, LEONI Kerpen GmbH


Franz-Josef BaumannIPL Magazin: Welche Erwartungen haben Ihre Kunden aus Sicht der Supply Chain an Ihr Unternehmen?

Franz-Josef Baumann: Zunächst einmal müssen natürlich Liefertreue und Qualität stimmen - das sind allerdings Grundvoraussetzungen. Darüber hinaus erwarten unsere Kunden zunehmend, dass wir die Verfügbarkeit unserer Produkte und damit die Lieferfähigkeit deutlich steigern. Die Preise sollen dabei gleichzeitig wettbewerbsfähig bleiben.

IPL Magazin: Wie wichtig sind in diesem Zusammenhang internationale Netzwerke und strategische Partnerschaften mit anderen Unternehmen?

Franz-Josef Baumann: Beide Handlungsfelder sind für die Supply Chain extrem wichtig. Internationale Netzwerke spielen für den strategischen Einkauf eine bedeutende Rolle, strategische Partnerschaften sind für die Planung und Steuerung der Supply Chain entscheidend.

IPL Magazin: Welche Chancen und welche Risiken sehen Sie dabei?

Franz-Josef Baumann: Strategische Entscheidungen zur Gestaltung von Wertschöpfungsketten bergen immer sowohl Chancen als auch Risiken. Daher ist es wichtig, dass bei der Entscheidungsfindung Transparenz über Chancen und Risiken hergestellt ist, die mit den Handlungsfeldern einhergehen. Der strategische Einkauf profitiert von internationalen Netzwerken aus verschiedenen Gründen. Zum einen sind hier andere Konstruktionen zu nennen, die international verwendet werden, beispielsweise andere Drahtdurchmesser oder Folienspezifikationen, die wir adaptieren können. Außerdem lernen wir durch die Internationalität Marktverhalten von Lieferanten, Preisniveaus etc. Strategische Partnerschaften sind für die Kapazitätsplanung von Vorteil, wenn beispielsweise aus Kapazitätsgründen eine Zusammenarbeit im Rahmen einer verlängerten Werkbank vereinbart wurde. Die Risiken liegen in der engen Wettbewerbssituation, denn wir arbeiten hier mit Unternehmen zusammen, mit denen wir im Absatzmarkt oft auch im Wettbewerb stehen.

IPL Magazin: Wie muss sich ein Konzern wie Leoni Ihrer Meinung nach aufstellen, um die Komplexität globaler Lieferketten erfolgreich und effizient zu koordinieren?

Franz-Josef Baumann: Aufgrund der Industrie- und Branchenstruktur ergeben sich sehr unterschiedliche Anforderungen an Produkt, Markt, Technologie und Kunden und damit auch an das Supply Chain Design. Die Organisation eines Unternehmens muss zwingend diesen Anforderungen entsprechend aufgestellt werden - nur so ist eine konsequente Prozess-orientierung möglich, die eine effiziente Gestaltung der Material- und Informationsflüsse im und zwischen den Unternehmen sicherstellt. Dieses Potenzial gilt es bei den Unternehmen, die sehr schnell gewachsenen sind, zu identifizieren und zu heben.

IPL Magazin: Welche Schwierigkeiten müssen Unternehmen auf dem Weg zu einem erfolgreichen Supply Chain Design meistern?

Franz-Josef Baumann: Da gibt es viele Hausforderungen: Zunächst müssen alle Beschaffungsprozesse unternehmensübergreifend einheitlich gestaltet werden. Im besten Fall wurde vorab mit allen betroffenen Abteilungen ein Idealprozess gestaltet und verabschiedet. Dieser sollte dann unternehmensübergreifend eingeführt werden. Außerdem ist eine Optimierung des Produktdesigns nötig: Über Baugruppen muss eine Standardisierung erreicht werden, was Vorteile für den WIP, die Lieferfähigkeit und die Materialbeschaffung mit sich bringt. Dabei muss jedoch die individuelle Kundenausprägung bei der Finalisierung des Produktes (beispielsweise die individuelle Bedruckung etc.) immer noch möglich sein. Ein weiterer entscheidender Punkt für ein erfolgreiches Supply Chain Design ist die Wahl der richtigen IT-Systeme. Diese sollten konzernweit einheitlich sein - der Informations- und Produktfluss muss unternehmensintern oder übergreifend synchronisiert werden und nur mit gleichartigen IT-Plattformen können alle relevanten Informationen schnellstmöglich geteilt werden. Nicht zuletzt gilt es, die Fähigkeiten der Mitarbeiter entsprechend einzusetzen beziehungsweise, wo nicht vorhanden, zu schulen: Beim Design einer Supply Chain kommen Mitarbeiter innerhalb der SC zusammen, die vorher teilweise konkurrierende Ziele in anderen bzw. nicht gleichen Abteilungen verfolgt haben. Dementsprechend müssen die Mitarbeiter einer SC entsprechend mit Change Management oder zumindest mit Schulungen an die neuen Vorgehensweisen herangeführt werden.

IPL Magazin: Im internationalen Umfeld (bei international agierenden Unternehmen?) stellt sich die strategische Frage nach global oder local Sourcing. Wie wird das in Ihrem Unternehmen derzeit gehandhabt und was ist Ihrer Meinung nach zukunftsfähig und erfolgsversprechend?

Franz-Josef Baumann: Die Entscheidung hängt von den Anforderungen an Material beziehungsweise Partnerschaft ab. Beispielsweise ist es sicher sinnvoll, bei der Suche nach einem Partner für eine verlängerte Werkbank auf ein Unternehmen in Europa statt in Asien zu setzen, weil hier Liefer-geschwindigkeit und Qualitätsanspruch entscheidend sind. Zudem gilt es Rahmenbedingungen wie, Recht, Verwaltung, Technik, Infrastruktur und Politik zu betrachten. Der Einkauf von Rohstoffen ohne deutliche Wertschöpfung kann hingegen weltweit erfolgen, hier bieten sich Chancen durch die Liberalisierung der Handelsbeziehungen. Generell sollte die Entscheidung immer auf Basis einer "Total Cost" Betrachtung getroffen werden. Wir wenden heute beide Sourcing Strategien in unserem Unternehmen an, da beide für den nachhaltigen Unternehmenserfolg notwendig sind.

IPL Magazin
: Für wie wichtig halten Sie die Rolle von Change Management bei der Koordinierung von globalen Prozessveränderungen?

Franz-Josef Baumann:
Bei jeder Prozessveränderung gibt es "Kräfte, die die Veränderung verhindern". Mitarbeiter nicht von der ersten Stunde an mit ins Boot zu nehmen, ist ein K.O.-Schlag für jedes Veränderungsprojekt. Viele Mitarbeiter stehen Veränderungen zunächst ablehnend entgegen, da sie verängstigt sind und nicht wissen, was auf sie zukommt. Damit eine Neuerung erfolgreich umgesetzt werden kann, ist es daher entscheidend, die Mitarbeiter zu motivieren und im Veränderungsprozess "mitzunehmen". Ein guter Weg dafür ist beispielsweise ein begleitendes Coaching für Mitarbeiter und Führungskräfte.
"Es ist nicht die stärkste Spezies die überlebt, auch nicht die intelligenteste, es ist diejenige, die sich am ehesten dem Wandel anpassen kann." Charles Darwin (Englischer Naturforscher)

IPL Magazin: Was sind Ihrer Meinung nach die drei wesentlichen Erfolgsfaktoren für eine Best-Practice Supply Chain im heutigen Markt- und Wettbewerbsumfeld?

Franz-Josef Baumann: An erster Stelle sind hier qualifizierte Mitarbeiter/ Innen zu nennen, die mit Change Management-Maßnahmen in den Veränderungsprozess eingebunden werden. Eine integrierte, ganzheitliche SCM Organisation, bei der kontinuierlich der Erfolg gemessen wird - beispielsweise anhand von KPIs und BSC - ist ebenso wichtig. Wer dann noch seine Lieferanten als Partner versteht und einbindet und es schafft, die Komplexität der Prozesse zu reduzieren, ist auf einem guten Weg.