IPL-Magazin 28 | Juli 2014 | IPL Gastautor: Timo Hausdorf / BME e.V.

Helfer in der Luft



Timo Hausdorf / BME e.V.In der Industrie können zivile Drohnen wertvolle Dienste leisten, denn technisch sind sie längst vielfältiger als es ihr bisheriges Einsatzgebiet erlaubt. Im Weg stehen rechtliche Hürden.

Mit der Ankündigung des Online-Händlers Amazon, zukünftig Pakete per Drohne auszuliefern, wurde in Deutschland eine Diskussion über ganz neue Möglichkeiten des Einsatzes von unbemannten Fluggeräten eröffnet. Waren bisher militärische Drohnen ein Streitthema, geht es jetzt um die zivile Nutzung von Mini-Helikoptern. „Die Vision ist heute schon viel mehr als nur ein PR-Gag“, sagt Oliver Knittel, Geschäftsführer und Teilhaber des deutschen Drohnenanbieters Service Drone. Amazon glaubt sogar, dass die Flugkörper eines Tages so normal sein werden wie ein Lkw auf der Straße: „Es sieht aus wie Science Fiction, aber es ist real. Aus technologischer Sicht sind wir bereit“, heißt es beim amerikanischen Versender.

Vielseitiger Einsatz.

Was viele nicht wissen: Drohnen sind in vielen Bereichen des täglichen Lebens längst im Einsatz. Bestückt mit speziellen Kameras ermöglichen sie Vermessungen in unwegsamem Gelände oder schwer zu erreichenden Gebieten. Sie machen Luftaufnahmen von Städten oder Ereignissen und ermöglichen ganz neue Perspektiven beim Filmdreh. In einigen Bundesländern helfen sie bei der polizeilichen Aufklärung oder im Katastrophenschutz.

Hauseigentümer können Sturm- und Hagelschäden an den Dächern begutachten lassen, Bauern erhalten aus der Vogelperspektive mehr Aufschluss über den optimalen Erntezeitpunkt und Techniker erfahren mehr über den Zustand von Funkmasten oder Hochspannungsleitungen. Mittels Wärmebildkameras lassen sich von oben sogar defekte Zellen an Solaranlagen erkennen.

Oliver Knittel war sich der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und der Rasanz der Entwicklung nicht bewusst, als er das Unternehmen Service Drone vor gut vier Jahren mit einem Partner gründete. Anfangs wurden seine Drohnen hauptsächlich für Foto- und Filmaufnahmen aus der Luft eingesetzt. Auch wenn bislang nur der Einsatz in Sichtweite eines Steuerers erlaubt ist, sind die technischen Möglichkeiten heute längst soweit, dass sie nach vorheriger Programmierung autonom fliegen und in der Luft noch mit neuen Informationen beschickt werden können.

Technische Herausforderungen gibt es vor allem noch in der Ladungskapazität, der batteriebedingten Reichweite und den klimatischen Bedingungen, da die kleinen Geräte bei Wind schnell zur Gefahr werden. Außerdem gibt es noch Sicherheitsfragen, etwa die Entwicklung von gemeinsamen Standards für Anti-Kollisionssysteme oder das Einhalten von Sicherheitsabstand zu bestimmten Bauwerken (zum Beispiel Hochspannungsleitungen).

Rechtliche Hürden.
Viel größer als die technischen sind die rechtlichen Hürden: Der Betrieb muss in Sichtweite des Steuerers in einer maximalen Höhe von 100 Metern erfolgen und ist nicht über Menschenansammlungen erlaubt. Starts und Landungen erfordern außerdem die Zustimmung des jeweiligen Grundstückseigentümers. Im Sport- und Freizeitbereich gelten Drohnen zwar als Flugmodelle, deren Nutzung weniger streng reglementiert ist. Handelt es sich aber um einen gewerblichen Zweck, werden sie laut Luftverkehrsgesetz zu unbemannten Luftfahrtsystemen, deren Betrieb in Deutschland eine Erlaubnis erfordert. Leichte Geräte können dabei eine bis zu zweijährige Dauergenehmigung erhalten, während das Fliegen ab einer Gesamtmasse von über 25 Kilogramm grundsätzlich verboten ist. Besonders wichtig für die Erteilung einer Erlaubnis sind die datenschutzrechtlichen Bestimmungen, da Fluggeräte in die geschützte Privatsphäre einer Person eindringen können. Um die Urheber- und Persönlichkeitsrechte Dritter bei der Veröffentlichung von Bildern zu wahren, wird beispielsweise eine Einwilligung benötigt, wenn Personen auf den Aufnahmen zu sehen sind. Zu beachten sind außerdem Haftungsfragen, weil der Führer der Drohne grundsätzlich für alle Schäden verantwortlich ist, die bei einem Flug verursacht werden können. Ein gutes Warnsignal für die Tragweite eines möglichen Unfalls lieferte im September 2013 eine für Fotozwecke eingesetzte Drohne, die bei einer Wahlkampfveranstaltung in Dresden nur wenige Meter vor Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Absturz kam.

Wegen der rechtlichen und sicherheitstechnischen Hürden ist es daher noch nicht absehbar, ob und wann Drohnen fliegen und Herr Mustermann seine Pakete vor die Haustür liefern werden. Schon heute denkbar ist aber, dass Transportaufgaben per Sichtflug übernommen werden, beispielsweise innerhalb des Werksgeländes oder einer Produktionshalle. „Wenn eine Maschine wegen eines Schadens still steht, können Ersatzteile im Handumdrehen an die richtige Stelle gebracht werden“, regt Oliver Knittel von Service Drone an und nennt die Schnelligkeit und die Kosten als Vorteile.

Industrieller Einsatz.

Große Zukunftschancen werden außerdem im industriellen Bereich oder im Gebäudemanagement gesehen. Im Bereich Facility Management sind Dokumentationsaufgaben an hohen Gebäuden denkbar, zum Beispiel an einem Schornstein.

„Ohne größeren Aufwand kann dort eine Bestandsaufnahme der Bausubstanz gemacht werden, um eventuelle Defizite festzustellen“, sagt Knittel. Selbst die Erledigung von kleinen Arbeiten soll künftig durch seine Drohnen ermöglicht werden: „Ich denke dabei an einen Pilzbefall im Mauerwerk, bei dem Gegenmittel aufgesprüht werden“, so der Experte. Konkurrent Microdrones hat bereits zahlreiche Pilotprojekte für Aufklärungsarbeit aus der Luft gestartet: So arbeitete er mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) bei der Inspektion von Solaranlagen zusammen und begutachtete Gashochdruckleitungen für den Gasnetzbetreiber Thyssengas.

International könnte es derweil mit der Entwicklung etwas schneller gehen als in Deutschland. So wird in den USA bereits an Möglichkeiten gearbeitet, um zivile Drohnen auf absehbare Zeit sicher in den Luftraum zu integrieren. Die US-Regulierungsbehörde FAA hat dafür sechs öffentliche Einrichtungen bestimmt, die im ganzen Land verteilt regionale Tests durchführen und dabei die Aspekte der Geographie, des Klimas, der Infrastruktur und der Sicherheit in Einklang bringen sollen. „Diese Teststellen geben uns wertvolle Informationen darüber, wie eine sichere Einführung dieser fortschrittlichen Technologie gewährleistet werden kann“, sagte Verkehrsminister Anthony Foxx. „Wir bringen seit 50 Jahren erfolgreich neue Technologien in das Luftfahrtsystem unserer Nation ein. Ich habe deshalb keinen Zweifel, dass wir das gleiche auch mit unbemannten Flugzeugen tun werden“, so ein Administrator der Behörde. Amazon gibt sich wohl auch deshalb optimistisch, dass der rechtliche Rahmen für den flexiblen Einsatz von Drohnen zumindest in den Vereinigten Staaten irgendwann stehen wird. „Wir werden zu diesem Zeitpunkt fertig sein“, so der Onlinehändler, der unter dem Projektnamen „Prime Air“ bereits eigenständige Tests durchführt – ähnlich wie die Deutsche Post, die Ende 2013 gemeinsam mit dem Anbieter Microdrones den Einsatz einer Kleindrohne für die Paketzustellung ausprobiert hat. Dabei überflog ein mit Medikamenten gefülltes Paket in Bonn den Rhein und landete am anderen Ufer in der Konzernzentrale. Die Aussagen der Post lassen aber darauf schließen, dass das Projekt noch in den Kinderschuhen steckt. Demnach werden derzeit die Ergebnisse ausgewertet. Bis dahin sei der Drohneneinsatz ein laufendes, aber noch nicht spruchreifes Projekt, heißt es von Seiten des Logistikkonzerns.
 



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