IPL-Magazin 27 | April 2014 | IPL Gastautor: Marianne Birkle

Wofür Weiterbildung gut ist, darauf gibt es viele Antworten. Doch welche ist die richtige?



Marianne BirkleRachel Joyce hat uns in ihrem Roman „Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte“ (1) auf sehr amüsante Weise (4) kritische Antworten auf diese Frage gegeben.
„Habt ihr nichts zu tun?“, ruft Mr. Meade von der Theke. Mr. Meade ist nämlich am Platzen. Die Personalabteilung hat die Verkaufszahlen vor Jahresende geprüft und ihm eine dringliche E-Mail geschrieben. Der Umsatz ist erheblich gesunken. Die Geschäftsführer der Filialen wurden aufgefordert, sich den Samstag frei zu nehmen für eine Schulung an einem nahe gelegenen Kompetenzzentrum. Sie werden den Tag mit Schauspielern verbringen und sich mit Effizienz am Arbeitsplatz und Teamstärkung beschäftigen. Es wird Präsentationen und Rollenspiele geben. (...) Alle sind überrascht, als Mr. Meade am Montag voller Begeisterung vom Kompetenzzentrum zurückkehrt.(2) Wo setzt Mr. Meade wohl als erstes mit seinem neuen Wissen an?

Antwort 1: Weiterbildung muss nachhaltig sein…
Eines ist klar, seine Begeisterung ist für das ganze Team unübersehbar, sein Tatendrang groß. Diese Szene macht deutlich, dass Weiterbildung auch immer etwas mit Veränderung zu tun hat. Das neue Wissen erfordert ein Umdenken in den eigenen Arbeitsabläufen und Vorgehensweisen. Das neue Wissen soll aber auch in das bestehende System passen, das noch in alter und gewohnter Weise funktioniert. Denken im System ist hier eine wichtige Voraussetzung, um die Weiterbildung zu einem langfristigen Erfolg werden zu lassen.
Er fragt die Kunden und Mitarbeiter, wie es ihnen gehe. Wenn sie „gut“ oder „geht schon“ antworten, trällert er: „Fein, fein. Hervorragend. Gut gemacht!“ Es ginge um Affirmation, sagt er. Um die Macht des Jetzt. Das sei ein Neuanfang.(…) „Mehr Joie de vivre“, sagt Mr. Meade. „Was wir tun werden, liebes Team, ist näher rücken.“ (…) Er breitet die Arme aus und wedelt mit den Fingern, winkt sein Personal zu sich. (…)Mr. Meade streckt seine Arme noch weiter zur Seite, bis er die Schultern der anderen berührt. Ringsherum steht sein Grüppchen Mitarbeiter, steif wie Bretter. „Zusammenrücken!“, ruft Mr. Meade. (…) Stumm rückt die Gruppe immer näher zusammen. (…) „Fühlt sich das nicht gut an?“ fragt Mr. Meade. Niemand antwortet. (…) „Sind wir jetzt fertig?“, fragt Paula.(3)

Antwort 2: Eine gute Weiterbildung ist das eine – ein guter Transfer indie Praxis das andere….
…und Paula würde nichts lieber tun, als wieder an ihre Arbeit gehen. Die Welt der Weiterbildung und die Welt des Berufsalltags gehören zusammengebracht.
Welche Ziele setze ich mir selber, um mein erworbenes neues Wissen in den Alltag zu transferieren? Wie viel Zeit gestehe ich mir zu, dieses Wissen umsetzen zu können und wie viele Versuche des Scheiterns ertrage ich, um mich nicht selbst wieder in den Sog des Alltags hineinziehen und mein Wissen in irgendeinem Skript verschwinden zu lassen? Diese Transfergedanken gehören bereits zu Beginn jeder Weiterbildungsveranstaltung formuliert und durch die Weiterbildung verbindlich gemacht. Dank moderner Lernmedien wie e-learning, blended learning, web based training oder Webinare lässt sich dieses Wissen eigenverantwortlich und jederzeit aktivieren, ergänzen und festigen. Wird ein Nutzen für mich selber oder gar auch für mein Team sichtbar, dann kann man von einer erfolgreichen und nachhaltigen Weiterbildung sprechen. Mr. Meade lacht wieder. „Fertig? Das ist nur Phase eins. Jetzt möchte ich Folgendes von euch, liebes Team: Denkt an die Person, die neben euch steht.“ (…) „Denkt über diese Person etwas Positives. Denkt, was ihr über diese Person wirklich gerne sagen würdet.“ Eine verstopfte Stille stellt sich ein.(4)

Antwort 3: Weiterbildung betrifft nicht nur die fachliche Kompetenz…
…denn wie sage ich der Person das, was ich über sie denke, ohne dass sie beleidigt, verletzt oder sich gar gleich gemobbt fühlt? Kommunikative Fähigkeiten, Einfühlungsvermögen, Selbstkompetenz, Konfliktfähigkeit, Kreativität und Umgang mit Stress sind nur ein paar Schlagwörter aus dem umfassenden Katalog der Schlüsselqualifikationen, über den jeder im Berufsleben verfügen sollte. Weiterbildung dient nicht nur dazu, den Fachkräftemangel zu kompensieren und das Fachwissen stetig auf- und auszubauen. Vielmehr liegt die Herausforderung darin, dass sich sowohl Unternehmen als auch Belegschaften auf den kontinuierlichen und raschen technischen Fortschritt am Arbeitsplatz einstellen und anpassen müssen. Dabei handelt es sich nicht nur um die fachliche Kompetenzerweiterung, sondern auch um den Ausbau der Skills im Bereich der persönlichen, methodischen und sozialen Kompetenzen. Klaffen die Anforderungen der Stelle mit den zur Verfügung stehenden Skills und Kompetenzen eines Mitarbeiters auseinander, dann lassen sich diese Lücken idealerweise über Weiterbildungsmaßnahmen schließen. Zeichnen sich überdurchschnittliche Skills bei einzelnen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ab, dann lassen sich diese durch eine gezielte Mitarbeiterentwicklung und Karriereplanung fördern und neue Perspektiven aufbauen.

„Sagen, was wir denken?“, wiederholt Moira. Sie wirkt schwer angeschlagen. (…) „Jetzt legt doch mal los, ihr Lieben“, sagt er lachend. „Jemand muss doch etwas Positives zu sagen haben.“(5) Moira ringt mit ihrem Inneren und sie erkennt deutlich, dass sie nicht drumherum kommen wird. Es gibt für sie kein Ausweichen. Sie muss sich der Situation stellen. Das gleiche fordert auch der Arbeitsmarkt: sich lebenslang den Anforderungen des Arbeitsmarktes stellen und die Herausforderungen annehmen, welche dieser mit sich bringt.

Antwort 4: Weiterbildung ist eine lebenslange Angelegenheit…,
die nicht nach einer Berufsausbildung oder einem Studium abgeschlossen ist, sondern alle Generationen, die im Berufsleben stehen, dauerhaft betrifft. Der „Fight of young potenzials“ und die steigende „Überalterung“ der bestehenden Belegschaft fordert Unternehmen zu einem nachhaltigen und sozialverantwortlichem Denken auf. Für die jüngere Generation versteht sich Weiterbildung als wichtigster Karrierefaktor und für die älteren Generationen als bedeutender Faktor zum Erhalt der Arbeitsfähigkeit.

Ältere Mitarbeiter werden mehr und fordern auch mehr. Eine Erhebung der Bundesagentur für Arbeit hat ergeben, dass bis Mitte 2013 die Zahl der Über-60-Jährigen erstmals auf über 1,5 Millionen (6) gestiegen ist. Dies bedeutet im Vergleich zum Jahr 2012 ein Anstieg von zwölf Prozent. Experten fordern in Zusammenhang mit dieser Entwicklung, älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern vermehrt Fortbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten zu bieten. Eine klare Tendenz auf dem aktuellen Arbeitsmarkt zeigt auch deutlich, dass Beschäftigte nicht nur gut verdienen, sondern auch in ihrem Job einen Sinn und Werte finden möchten. Das Leitmotiv eines modernen Arbeitnehmers lautet: Entfaltung, welche insbesondere durch eine individuell angepasste Work-Life-Balance angestrebt wird. Vorreiter hierfür ist die Generation Y, also die nach 1980 Geborene, die ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Karriere und Privatleben einfordern. Durch diese veränderten Wertvorstellungen sind viele Unternehmen zum Handeln gezwungen. Die Generation Y ist bereit, im Job viel zu leisten. Doch sie stellt hohe Anforderungen an den Beruf. Er soll Spaß machen, Entwicklungsperspektiven bieten und sinnvoll sein. Gleichzeitig legen viele Wert darauf, ein Leben außerhalb der Arbeit zu haben. Für die Karriere auf eine Partnerschaft oder Familie zu verzichten, kommt für die meisten nicht in Frage. So vielfältig die Belegschaft eines Unternehmens ist, so unterschiedlich ist das Werteempfinden, das von den Unternehmen erkannt und anerkannt werden muss.
Durch eine nachhaltige und gezielte Personalentwicklung können diese unterschiedlichen Wertevorstellungen und Bedürfnisse einer Belegschaft aufgegriffen und umgesetzt werden. Eine hervorragende interne Personalentwicklung und Weiterbildungsplattform ermöglicht nicht nur die Bindung der Belegschaft an das Unternehmen, sondern spiegelt die Attraktivität eines Arbeitgebers wider, genau das, auf was Mr. Meade in der Eingangsgeschichte abgezielt hat. Doch wie ging es in seinem Falle weiter?

Eine Weile sagt keiner ein Wort. Aber diesmal ist die Stille anders als am Anfang. Es ist eine kindliche Stille, bei der die Sprachlosigkeit mit Staunen zu tun hat und nicht mit Urteilen. „Entschuldigung?“, ruft eine Stimme aus dem Café. Der Haufen weicht mit einem Sprung auseinander wie ein vielköpfiges Tier (7). Eine Kundin verfolgt die Szene mit erstauntem und neugierigem Blick. Wer Weiterbildung als Schlüssel für die persönliche Weiterentwicklung und für die Sicherung der eigenen beruflichen Zukunft erkennt, der ist auf dem richtigen Weg. Ein Weg, auf den sich auch Mr. Meade gemacht hat. Wenn er erkennt, dass es nicht nur eine Pflicht gegenüber der Personalabteilung war, sondern dass es seine persönliche Chance, aber auch zu einem hohen Anteil seine eigene Verantwortung ist, sich für den Arbeitsmarkt attraktiv zu halten, dann ist er auf dem richtigen Weg.

 




Infos und Kontakt zur Autorin:

Marianne Birkle, Jahrgang 1968, Dipl.-Berufspädagogin (Univ.), arbeitet seit vielen Jahren als freiberufliche Trainerin mit dem Schwerpunkt Personalentwicklung, Vertriebscoaching und Changemanagement in der freien Wirtschaft.

Ihre Kompetenz entwickelt sie aus einem dreifachen Blickwinkel in ihrer Arbeit:

• Als Beraterin/Coach
• Als Trainerin in der Durchführung von Seminaren / Workshops
/ Teamentwicklungen
• Als Projektmanagerin in der operativen Umsetzung

Kontaktdaten:

Bildung&Beratung Birkle
Holzheystr. 38
86830 Schwabmünchen
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Quellenangabe:
(1) Joyce Rachel: Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte, Frankfurt am Main, 2013.
(2) Joyce Rachel: Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte, Seite 253 - 254
(3) Joyce Rachel: Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte, Seite 254 - 256
(4) Joyce Rachel: Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte, Seite 257
(5) Joyce Rachel: Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte, Seite 258
(6) Süddeutsche Zeitung vom 03.04.2013: „Beschäftigungsrekord bei Älteren“
(http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/beschaeftigung-in-deutschland-immermehr-aeltere-haben-einen-job-1.1638857)
(7) Joyce Rachel: Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte, Seite 259