IPL-Magazin 21 | Oktober 2012 | IPL Gastautorin: Pfarrerin Dr. Claudia Häfner


Wie sieht die Zukunft aus? Lieber kürzen und verkaufen oder jetzt erst recht investieren? Wie geht es zukünftig weiter? In der Bibel gibt es eine zentrale Handlungsrichtlinie: Vorausschauend handeln, eindeutig und transparent kommunizieren und die Seele pflegen.

 
Pfarrerin Dr. Claudia Häfner„Welchen Nutzen hätte der Mensch, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ Lukas 9,25

Auch die Kirche ist ein wirtschaftliches Unternehmen, das seit etlichen Jahrzehnten mit dem Rückgang ihrer Einnahmen und der Verringerung des Personals zu kämpfen hat. Selbst wenn das Unternehmen „Kirche“ an vielen Stellen anders funktioniert als wirtschaftliche Unternehmen, gibt es Gemeinsamkeiten.

1950 waren noch insgesamt über 97% der Gesamtbevölkerung der damaligen BRD Mitglied der evangelischen oder katholischen Kirche. Heute sind es weniger als 60%. Die häufigsten Gründe für den Austritt sind die Unzufriedenheit mit der Institution und die Kirchensteuer. Die meisten Kirchen haben während des Abwärtstrends nicht aktiv agiert, sondern auf die sinkenden Einnahmen häufig nur reagiert: Sie haben ihr Personal gekürzt. Sie haben dort, wo es möglich war, Gemeinden „geschlossen“ bzw. zu größeren Verbünden zusammengeführt. 

Sie haben kirchliche Gebäude entweiht und zum Teil verkauft. Die Folge davon war ein noch größerer Mitgliederverlust. Verständlicherweise. Denn umso weniger Menschen für die Botschaft glaubhaft und begeistert werben konnten, umso weniger war die Kirche attraktiv.

Für die Kirche wäre es der richtige Weg, in Zeiten der Rezession tüchtig zu investieren: Mit mehr Personal, mehr Zeit und mehr Geld! Nur so könnte sie „missionieren“ und damit wieder wachsen.

Bekanntermaßen blicken auch viele Unternehmen mit Angst in die Zukunft. Es fehlen Ressourcen für notwendige Investitionen. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bleiben diffus. So wird in dem Artikel  „Wirtschaftsforscher kappen Prognose“ in der Spiegel Online Ausgabe vom 13. September 2012 resümiert: „Ursache für die abgeschwächte Prognose sei die abwartende Haltung der Unternehmen bei den Investitionen. Sie werde genährt durch die Unsicherheit über die ungelösten Schuldenkrisen sowie die unklare zukünftige Wirtschaftspolitik im EU-Währungsgebiet.“ Doch ist es hilfreich, mit angstvoller Starre auf die Zukunft zu blicken?

Fritz Riemann schreibt in seinem Buch „Grundformen der Angst“: „Angst ist immer ein Signal und eine Warnung bei Gefahren und sie enthält gleichzeitig einen Aufforderungscharakter, nämlich den Impuls, sie zu überwinden. Das Annehmen und Meistern der Angst bedeutet einen Entwicklungsschritt“. 

Also: Angst ist keine gute Beraterin. Diese Erkenntnis gewinnen wir auch beim Lesen der biblischen Geschichten. 

Nachfolgend nenne ich drei Beispiele:

 

1. Nachhaltigkeit: „Magere und fette Jahre“ 

Im 1. Buch Mose lesen wir, wie der Pharao von Ägypten träumt: Sieben fette Kühe steigen aus dem Wasser. Doch sie werden von sieben mageren Kühen, die ebenfalls aus dem Wasser hervorkommen, gefressen: „Und als es Morgen wurde, war der Geist des Pharaos bekümmert“. Die Angst des Pharaos ist so groß, dass er landesweit nach Wahrsagern forschen lässt. Er will wissen, was ihm die Zukunft bringt. 

Am Ende kann ihm ein israelitischer Sträfling helfen. Josef deutet seinen Traum: Die sieben fetten Kühe symbolisieren sieben gute Erntejahre. Die mageren Kühe stehen für eine Dürrezeit. Der Traum ist eine Zukunftsschau: Auf sieben gute Erntejahre werden sieben Dürrejahre folgen. Der Pharao glaubt Josef und ernennt ihn zum höchsten Manager seines Landes. Die Situation bekommt eine positive Wendung: Josef sorgt dafür, dass investiert wird und in den guten Jahren Rücklagen gebildet werden, damit in den darauffolgenden schlechten Jahren genügend zum Leben bleibt. 

Fazit:
Mit kurzfristigem Denken überlebt kein Unternehmen. Gerade wenn wichtige Entscheidungen zu treffen sind, muss der Zeitdruck rausgenommen und langfristig geplant werden. Angst ist keine gute Ratgeberin. „Schlaf nochmal eine Nacht darüber“ rät der Volksmund. Eine indianische Weisheit drückt es so aus: „Menschen, die bloß arbeiten, finden keine Zeit zum Träumen. Nur wer träumt, gelangt zur Weisheit.“ Ruhezeiten sind wichtig, um neue Kreativität und nachhaltige Lösungen zu finden. 


2. Gerechtigkeit: „Die Arbeiter im Weinberg“

Dieses Gleichnis aus dem 20. Kapitel des Matthäusevangeliums erzählt von einem Unternehmer, der an einem Tag zu unterschiedlichen Uhrzeiten Arbeiter in seinem Weinberg anstellt. Am Ende erhalten alle denselben Lohn, obwohl sie unterschiedlich lange gearbeitet haben. Dennoch: Mit jedem Arbeiter war vor Beginn der Arbeit eine Lohnvereinbarung getroffen worden. Der Lohn reichte aus, um die Familie zu ernähren. Eine auf den ersten Blick ungerechte Erzählung, die jedoch deutlich macht, dass Gerechtigkeit nicht bedeutet, jedem das gleiche zukommen zu lassen. Gerechtigkeit heißt aber, dass es jedem möglich sein muss, gut zu leben. Gerechtigkeit beinhaltet, sich an Vereinbarungen zu halten. Gerechtigkeit bezeichnet einen idealen Zustand des sozialen Miteinanders. 

Dazu gehört in einem Unternehmen die Kommunikation. Wichtige Entscheidungen und Informationen müssen allen Beteiligten rechtzeitig vermittelt werden. Verlässliche Vereinbarungen, Transparenz und offene Kommunikation ermöglichen einem Unternehmen auch in schlechten Zeiten die Mannschaft motiviert auf Kurs zu halten.


3. Die seelische Befindlichkeit: „König Saul hatte Depressionen“

Im ersten Samuelbuch wird der erste König des Volkes Israel am Ende seiner Amtszeit als ausgebrannt und antriebslos beschrieben: „Der Geist Gottes wich von Saul, und ein böser Geist ängstigte ihn.“

In Deutschland wird Depression immer mehr zu einer Volkskrankheit. In den letzten Jahren sind immer mehr Menschen vom Burn-Out-Symdrom betroffen. Sie halten den Anforderungen des Arbeitsalltages nicht mehr Stand und fühlen sich ausgebrannt, weil sie dem negativen Stress in einer dauerkommunikativen und beschleunigten Welt nicht Stand halten. Vorgesetzte haben eine Vorbildfunktion für ihre Mitarbeiter: Sie achten auf ihre eigene Gesundheit und die ihrer Mitarbeiter. Ein Chef, der selber mit Burn-out-Syndrom krankgeschrieben war, berichtet: „Als Chef bin ich heute entspannter. Wenn ich morgens ins Büro komme und merke, die Stimmung ist nicht gut, alle sitzen lustlos auf ihren Stühlen, dann lade ich meine Mitarbeiter einfach zum Frühstücken ein. Croissant und Orangensaft mit Blick aufs Wasser - das ist wie ein kleiner Urlaub. Das kostet dann vielleicht eineinhalb Stunden Zeit, bringt aber auch viel.“

Auch König Saul wurde es leichter um sein Herz, wenn er seine Arbeit unterbrechen konnte. „Sooft nun der böse Geist über Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf. So wurde es Saul leichter und es ward besser mit ihm und der böse Geist wich von ihm.“

Deutschland hat kaum Erdölvorkommen und wenig andere Bodenschätze. Dennoch: Wir sind eine der größten Exportnationen, unser größtes Kapital sind die Menschen! Deshalb muss auf ihnen unser ganzes Augenmerk liegen: auf Erziehung und Bildung, Fortbildung und Studium, Förderung und attraktiven Arbeitsplätzen. „Welchen Nutzen hätte der Mensch, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ 

 

Abb. 1: Seit 1999 sind die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen um 80 % gestiegen.
  



Über die Autorin:

Pfarrerin Dr. Claudia Häfner

In ihrer Promotion untersuchte sie das Heimischwerden und den Identitätswandel der deutschen-evangelischen Kirche in Argentinien, Uruguay und Paraguay. 

Sie ist seit 2003 ordinierte Pfarrerin der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern und war u.a. auch in Unternehmen tätig. Seit 2008 ist sie Gemeindepfarrerin in der Evangelisch-Lutherischen Dreieinigkeitskirche in München-Bogenhausen.

 

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