IPL-Magazin 37 | Oktober 2016 | Autor: Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier

 

Das World Wide Web hält jetzt durchgängig Einzug in die Fabriken.

In globaler Vernetzung sollen Computer nun in einer rechnerintegrierten Fabrik die Aufgaben selbständig ausführen.

Prof. Dr. Klaus-Jürgen MeierDramatische Zeitverkürzungen bei simultaner Entwicklung von Produkten und Prozessen sowie beim Auftragsdurchlauf sind das Resultat.[1]

Kaum eine aktuelle Veröffentlichung, die etwas auf sich hält, kommt derzeit ohne derartige Schlagzeilen aus. Das Prädikat ‚Industrie 4.0‘ ist dabei schnell vergeben. Und doch stammen die eingangs zitierten Zeilen aus unterschiedlichen Veröffentlichungen aus dem Jahr 2001 - also lange bevor die 4. Industrielle Revolution medienwirksam verkündet wurde.

Computer Integrated Manufacturing (CIM) war damals der Begriff, der über mehr als eine Dekade die Digitalisierung in den Unternehmen beschrieb. In der Folge wurden Ende des letzten Jahrtausends verstärkt unternehmensübergreifende ERP-Systeme eingeführt mit der Absicht, mit einer zentralen Intelligenz sämtliche Prozesse in einem Unternehmen zu steuern. Das CIM-Fernziel, eine Fabrik ohne Menschen, wurde jedoch nie erreicht. Schnell erkannte man, dass Automatisierung und Flexibilität zumeist nicht wirtschaftlich zu vereinen waren. Und, dass durch Standardisierung teure rechnergestützte Systeme überflüssig sind. Lean Production hat CIM schließlich den Rang abgelaufen. Was hat sich seitdem geändert? Die globale Vernetzung der Wirtschaft ist vorangeschritten, die Computersysteme sind leistungsfähiger geworden und die Variantenvielfalt von Produkten mit immer kürzeren Lebenszyklen ist gestiegen.

Ist damit wirklich die Stunde einer CIM-Renaissance – oder besser: Industrie 4.0 – gekommen? Ohne Zweifel gelingt es immer seltener, nur durch Standardisierung die Produktivität zu steigern. Und doch liegt in der Reduzierung von Komplexität in Produkten und Prozessen noch immer ein wesentlicher Schlüssel. Erst wenn es gelingt, diese Tür aufzuschließen, dann gelangen wir zu wirtschaftlichen Lösungen. Diese Erkenntnis hat uns CIM gelehrt und diese Erkenntnis ist auch weiterhin gültig. Komplexität lässt sich jedoch nur dann reduzieren, wenn wir zu einer einfach gestalteten Organisation kommen – im Ablauf und damit auch im Aufbau. Der Erfolg von Industrie 4.0 wird deswegen entscheidend davon abhängen, ob wir versuchen, durch weiterhin zentralisierte und hochgradig technische Software-Lösungen ans Ziel zu kommen, oder ob wir durch einfache und dezentrale Architekturen eine große Anpassungsfähigkeit erreichen.


Die Software stellt dann ein unterstützendes Werkzeug dar, aber diktiert nicht unser Denken und Handeln. Selbst die beste und teuerste Software schafft es nicht, komplexe Tagesprozesse vorherzusehen und zu beherrschen.

 

[1] In Anlehnung an: Zeitschrift für wirtschaftliche Fertigung (ZWF CIM), 03/2001, S. 84 und 04/2001, Seite 152