IPL-Magazin 34 | Januar 2016 | Autor: Dr. Matthias Pfeffer

Was ist eigentlich ein Prozess?

 

Dr. Matthias Pfeffer

Was ist eigentlich ein Prozess? Je nach Blickrichtung wird der Jurist sagen, dass es ein vor dem Gericht ausgetragener Rechtsstreit ist. Im unternehmerischen Sinne ist es ein Vorgang, der eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt und zu einem bestimmten Zweck ausgeübt werden soll.

In diesem Zusammenhang wären dann ja mindesten 2 Fragen zu klären: Was ist das für ein Zweck und wie viel Zeit braucht man dafür? Die Antwort auf den Zweck sollte allen im Unternehmen doch klar sein: es geht um die Herstellung der Produkte im Kundensinne. Aha! Oder stehen vielleicht doch die Belange von diversen Fachabteilungen im Vordergrund, wie z.B. die Auslastung von Maschinen, Bequemlichkeit von Mitarbeitern oder einfach das Schützen von lang existierenden innerbetrieblichen  ’Königreichen’.

Was stehen dabei bitte für ‚Prozesse’ im Vordergrund? Wirklich die des Kunden? Und was bedeutet das für den Faktor Zeit? Um Prozessorientierung zu verstehen, muss eine Vogelperspektive über die gesamte Produktion und Logistik eingenommen werden. Schnallen Sie sich Flügel an und betrachten Sie Ihre Prozesse von oben. Wo findet denn wirklich eine Abstimmung über Abteilungsgrenzen hinweg statt, wo gibt es übergeordnete Prozessvorgänge und wo steht doch das Schützen der persönlichen Belange im Vordergrund? Prozessperspektive bedeutet auch, dass bestimmte Unternehmensbereiche unter Umständen benachteiligt werden und das zu Gunsten des übergeordneten Vorgangs. So kann es durchaus sein, dass im Sinne eines Kundenprozesses die Auslastung einzelner Anlagen gar nicht mehr so wichtig ist oder das im Rahmen der Kundenausrichtung die Königreiche ‚zerschlagen’ werden. Den Kunden interessiert nämlich nicht, wie die Vorherrschaften und internen Grenzen verteidigt werden, sondern vielmehr wann der Gesamtprozess erledigt ist! Moderne Unternehmen müssen deshalb ganzheitlich funktionieren. Die Summe der Einzel-Optima ist nun mal nicht das Gesamtoptimum - das wissen viele! Trotzdem wird sich viel lieber auf die Verbesserung von Einzelbereichen konzentriert als auf den übergeordneten Prozess. Merkwürdig wird es aber spätestens bei Ihrer (Zuschlags)Kalkulation. Jetzt werden nämlich die Einzel-Optima aufaddiert um zu einem Gesamtpreis zu kommen, aber der scheint ja noch obiger Logik dann gar nicht das Optimum zu sein. Und wenn wir jetzt noch den Faktor Zeit ins Spiel bringen, dann waren zwar alle Könige unheimlich flott, aber trotzdem kam das Produkt mit Verspätung an. Irgendwie komisch!

Wenn man die ganzen Punkte zusammenbringt, dann ist wohl auch im  unternehmerischen Sinne ein Prozess irgendwie ein Rechtsstreit. :-)