IPL-Magazin 29 | Oktober 2014 | Autor: Stefan Treiber

Was Unternehmen von der deutschen Fußballnationalmannschaft lernen können




Stefan TreiberEndlich - Tor für Deutschland in der 113. Minute! Mario Götze versetzte eine ganze Nation in Freudentaumel, als er für die deutsche Mannschaft beim WM-Finale gegen Argentinien den Siegtreffer erzielte. Tenor der nationalen und internationale Presse zum vierten Weltmeister-Titel der Deutschen: Die beste Mannschaft hat verdient gewonnen. Was genau machte aber die "beste Mannschaft" aus? Können die Erfolgsfaktoren, die letzten Endes zum Ziel führten, auch auf die Supply Chain übertragen werden und wenn ja, wie sähe eine praktikable Umsetzung aus?

Eine reibungslos funktionierende Supply Chain ist ein entscheidender Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Fortschreitende Globalisierung, steigender Kostendruck, immer stärkere Abhängigkeit von Unternehmen untereinander oder die strategisch immer wichtigere Position des Einkaufs stellen das Supply Chain Management vor große Herausforderungen. Viele Unternehmen fragen sich, wie sie ihre Supply Chain nachhaltig und effizient gestalten und die wachsenden Kundenanforderungen erfüllen können. Dazu werden verschiedene "Best-Practice" Ansätze diskutiert, von der oft genannten Industrie 4.0 über die Globalisierung von Produktionsnetzwerken bis hin zu agilen Supply Chains oder Big Data Analyse-Tools.

Aber was setzen Unternehmen in Deutschland tatsächlich schon erfolgreich ein? Welcher Ansatz ist zukunftsfähig und bringt den entscheidenden Wettbewerbsvorteil?

An dieser Stelle lohnt sich ein genauer Blick auf die deutsche Nationalmannschaft, die sich 2014 mit drei entscheidenden Kriterien zum Fußball- Weltmeister schoss: Erstens hatte die Mannschaft eine klare Strategie und immer den Blick aufs Ziel gerichtet. Zweitens waren Abläufe klar definiert und die Mannschaft perfekt organisiert und drittens setzte die Mannschaft Vorgaben und Taktiken der Trainer ideal um.

Unternehmen können sich davon einiges abschauen, um mit ihrer Supply Chain ganz vorne mitzuspielen und am Ende "Supply Chain Weltmeister" zu werden.

Erfolgsfaktor 1: Die richtige Strategie macht's
Ein wichtiger Faktor, der das deutsche Team bei der WM 2014 geprägt und den Weg zum Erfolg mitbestimmt hat, waren die klare Strategie und die Fokussierung auf das Ziel. Mit einer intensiven Analyse der Gegner bereitete sich die Mannschaft perfekt auf jedes einzelne Spiel vor, wobei der DFB-Spielbeobachter Urs Siegenthaler eine entscheidende Rolle spielte. Kurz vor der WM sagte er der Zürcher Zeitung: "Meine Aufgabe ist es, den Bun-destrainer über die Entwicklungen im Fußball und im Sport generell auf dem Laufenden zu halten. Wohin führt der Weg? Was kommt auf uns zu? Ziel ist es, nicht überrascht zu werden". Die Menge an Daten, die Siegenthaler und ein etwa 40 Mann starkes Team der Deutschen Sporthochschule in Köln generieren, wurde mit Hilfe von SAP zu handfesten Informationen verarbeitet und dann den Spielern der deutschen Nationalmannschaft über Tools und Apps zur Verfügung gestellt.
Die erfolgreiche Strategie der deutschen Mannschaft zeichnete sich außerdem dadurch aus, dass sie äußeren Bedingungen wie klimatische Verhältnisse und andere Rahmenbedingungen (beispielsweise Verletzungen der eigenen Spieler und Aufstellung der Gegner) mit einbezog. Das Team verfolgte sein Ziel Weltmeistertitel glasklar und ließ sich auch von Rückschlägen, wie zum Beispiel dem Spiel gegen Algerien, nicht irritieren.

Strategie für SCM Weltmeister
Wie können sich Unternehmen die Strategie der Nationalmannschaft zu Nutze machen, um ihre Supply Chain zum "Weltmeistertitel" zu führen? Zunächst ist auch hier eine klare Fokussierung auf das Ziel wichtig. Das bedeutet, dass die Supply Chain konsequent an den Kundenanforderungen ausgerichtet sein und sich durch Durchgängigkeit auszeichnen sollte - sprich vom Kunden zum Lieferanten. Die aus den Marktanforderungen abgeleiteten Ziele der Supply Chain sollten auf die einzelnen Bereiche heruntergebrochen, quantifizierbar gemacht und umgesetzt werden.
So, wie Urs Siegenthaler für die Nationalmannschaft alle Informationen über den Gegner sammelt, um diese dann gewinnbringend einzusetzen, müssen auch im Unternehmen alle Marktdaten aufgenommen werden: Welche An-forderungen hat der Kunde an das Produkt selbst sowie an Lieferzeiten und Preise? Was kann die Konkurrenz leisten? Wie sehen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aus (Wachstum oder Marktstagnation, Subventionen für bestimmte Produkte vom Staat o.ä.)? Diese Informationen müssen gebündelt werden, damit sich die Supply Chain auf genau diese Bedingungen einstellen kann. Durch die Bündelung der Marktanforderungen wird im ganzen Unternehmen transparent, welche Bereiche welche Leistungen erbringen müssen, um so die Anforderungen der Kunden und Unternehmensziele erreichen zu können.

Das bedeutet gleichzeitig, dass auch Produktions- und Distributionsnetzwerke konsequent an den Zielen ausgerichtet werden müssen. Das funktioniert mit Hilfe einer intensiven Nutzung von Netzwerken und strategischen Partnerschaften. Das setzt genaue Kenntnisse über deren Kernkompetenzen voraus, denn nur so können Spezialisten für Spezialaufgaben eingesetzt werden.

Erfolgsfaktor 2: Klare Abläufe und eine perfekte Organisation der Mannschaft
Ein weiteres wichtiges Kriterium für den WM-Erfolg der deutschen Nationalmannschaft waren ihre routinierten, festgelegten Abläufe sowie die gute Mannschaftsorganisation. Die Prozesse vor, während und nach dem Spiel waren eindeutig festgelegt und verankert. Jeder Spieler hatte eine klare Aufgabenstellung, die Verantwortlichkeiten waren genau festgelegt. Aus diesem Grund funktionierte auch das Gesamtsystem am Ende perfekt - die Mannschaft trat immer als Einheit auf und die Optimierung des Gesamten war wichtiger als die des Einzelnen. Auch Spieler, wie beispielsweise Klose, waren nicht nur an ihrem eigenen Erfolg interessiert, sondern stellten sich in den Dienst der Mannschaft und trugen so zum Teamerfolg bei. Darüber hinaus wurden nach jedem Spiel die Erfahrungswerte verarbeitet und weiterentwickelt. So wurde Lahm etwa wieder auf die rechte Abwehrseite gezogen, da er dort der Mannschaft besser helfen konnte.

"Mannschafts-Organisation" für die Supply Chain

Auch bei der Organisation und den Prozessen kann das Supply Chain Management sich viel von der deutschen Elf abschauen. Denken in Prozessen statt in Funktionen ist angesagt: Einfache Prozesse, die fortlaufend verbes-sert werden, bilden die Basis einer reibungslosen Supply Chain. Sie werden von IT Lösungen unterstützt und intelligent vernetzt (Stichwort Industrie 4.0). Ganz nach dem Vorbild "Weltmeistertitel" ist das Ziel des gesamten Unternehmens ebenso zu definieren und abzustimmen - das ist insbesondere bei globalen Prozessen ein "Muss". Dieses übergeordnete Ziel kann dann systematisch in handhabbare Einzelziele für verschiedene Bereiche herun-tergebrochen und nachverfolgt werden.
Darüber hinaus gilt es, die richtigen Strukturen und Steuerungsmechanismen zu schaffen: Die Führungsmodelle sollten klar definiert und umgesetzt, Verantwortlichkeiten genau geregelt und aus den Prozessen abgeleitet wer-den. Die Funktionen sind zudem mit den richtigen "Spielern" zu besetzen - das heißt, dass das Profil aus den Anforderungen abgeleitet und nicht um Personen herum gebaut sein soll ("Capability Landscape").
Nicht zuletzt sind eine konsequente Erfolgskontrolle und Incentivierung wesentliche Schlüssel zum Erfolg: Die Zielvorgaben der Führungspositionen müssen so aufeinander abgestimmt sein, dass sich nicht nur die einzelnen Bereiche selbst optimieren, sondern das Unternehmen als Ganzes zum Erfolg geführt wird. So darf beispielsweise im Einkauf nicht nur das Ziel gesetzt werden, die Kosten zu senken, sondern gleichermaßen müssen Qualität, logistische Merkmale und Kooperationsmöglichkeiten für die Entwicklung in das Lieferantenmanagement integriert werden. Anreize können auch darüber gesetzt werden, dass die Verantwortung an die handelnden Personen übergeben werden - die Personen bekommen einen Handlungsspielraum, den sie selbst gestalten können, aber gleichzeitig dafür verantwortlich sind, dass die Ziele erreicht werden. Die Verantwortung der Liefertreue der Produktion kann zum Beispiel direkt an die Meister übergehen. Die Steuerung wäre in dem Fall lediglich dafür da, sicherzustellen, dass die Kapazitäten richtig geplant und die Fertigungsaufträge richtig terminiert sind.

Erfolgsfaktor 3: Mit Teamarbeit und Taktik zum Titel
Was war der entscheidende Unterschied zwischen der deutschen Elf 2014 und denen früherer Jahre? Das Geheimnis liegt wohl darin, dass 2014 ein wahres Team angetreten ist - alle Spieler und Ersatzspieler waren Teil der Mannschaft, die sich gegenseitig immer unterstützte und motivierte. Jeder Einzelne tat sein Bestes, um die besprochenen Vorgaben und Taktiken umzusetzen und war bereit, bis zum Schluss stets dazuzulernen. Jogi Löw hatte es geschafft, im Team das nötige Selbstvertrauen und den unbedingten Glauben an den Erfolg zu wecken. Es hat sich gezeigt, dass gute Einzelspieler allein nicht ausreichen: Die Mannschaft, die am besten als Einheit auftrat und agierte, brachte am Ende den Pokal nach Hause.

Sieg für "Team Supply Chain"

Dasselbe Prinzip des Teamgedankens lässt sich auch auf eine Supply Chain übertragen: Wenn die einzelnen Bereiche über ihren eigenen "Tellerrand" hinausschauen und sich als Teil eines Ganzen sehen, der mit den anderen Bereichen gemeinsam auf ein Ziel hinarbeitet, wird das Unternehmen erfolgreicher arbeiten. Dazu ist die entsprechende Unternehmenskultur und eine fähige Führung notwendig: Die besten Prozessen und Tools helfen nicht viel, wenn die Führung nicht die wesentlichen Voraussetzungen zur Umsetzung schafft. Dazu gehören beispielsweise Offenheit in der Kommunikation sowie eine Fehlerkultur, damit kontinuierliche Verbesserungen und Nachhaltigkeit sichergestellt sind. Ganz wichtig ist an der Stelle auch eine positive Gestaltung der Veränderungen: Gute Manager im Bereich SCM sind heute mehr Coach als Fachkraft. Sie schaffen eine Stimmung kontinuierlicher Verbesserung und managen den Wandel.

"Strategie, Organisation, Mannschaftsdenken" - wer sich diese drei Erfolgsfaktoren von der deutschen Nationalmannschaft abschaut, kann seine Supply Chain nachhaltiger und effizienter gestalten, das Unternehmen so zukunftssicher aufstellen und am Ende als "Supply Chain Weltmeister" glänzen.