IPL-Magazin 21 | Oktober 2012 |
Autor: M. Sc. Thomas Theiler


IPL Beratung bei Stahl und Drahtwerk Röslau GmbH 

 
Röslau StahldrahtDie Firma Stahl- und Drahtwerk Röslau GmbH verarbeitet Drähte und zieht bzw. veredelt diese zu hochwertigen Produkten, welche in verschiedenen Industriezweigen Anwendung finden. Dabei steht Qualität und Kundenzufriedenheit im Vordergrund. Hinsichtlich des immer turbulenter werdenden Abrufverhaltens der Kunden haben IPL Beratung und Stahl und Drahtwerk Röslau ein Projekt durchgeführt um die Lieferfähigkeit abzusichern und die Bestände zu senken.  


M. Sc. Thomas TheilerDer mehrstufige Herstellungsprozess wurde mittels Lagerstrukturanalyse analysiert und anschließend eine passgenaue Dispositionsstrategie bzw. Bestandsstrategie für die jeweilige Fertigungsstufe entwickelt. Die Lagerstrukturanalyse ist ein von dem Institut für Produktionsmanagement und Logistik entwickeltes Tool, welches die Bewegungsdaten der Artikel analysiert und eine Beziehung zur Lieferfähigkeit herstellt. 

Als Ergebnis der Berechnungen erhält man Zielbestände, welche eine bestimmte Lieferfähigkeit prognostizieren. Der wesentliche  Vorteil ist, dass den Disponenten ein Handwerkzeug beiseite gestellt wird und das sogenannte „Bauchgefühl“ ausgeschaltet wird. Ohne Softwareunterstützung ist es kaum möglich, mehr als 50 Artikel optimal zu betreuen.

 Abb. 1: Monte Carlo Simulation

 In den meisten, am Markt gebräuchlichsten Anwendungen (Software) werden zwar Bestellvorschläge generiert, jedoch ist eine Beziehung der Bestellmenge zur erreichbaren Lieferfähigkeit in der Regel nicht möglich. Daher haben wir gemeinsam mit Stahl und Drahtwerk Röslau GmbH die einzelnen Produktionsschritte untersucht, um auch die Lieferfähig zu den “Internen Kunden“ zu bestimmen.

 

Die Lagerstrukturanalyse im Einzelnen:

Im ersten Schritt wurden die Artikel-Bewegungsdaten der vergangenen zwei Jahre in die Software eingelesen. Mit diesen Daten wurde eine ABC/XYZ-Analyse durchgeführt, welche die Artikel bzgl. des Verbrauchs und der
Häufigkeit bewertet. Siehe Abb.2. und 3.

Abb. 2: ABC-Analyse 


Abb. 3: XYZ-Analyse

 

In der Analyse wurden pro Produkt die Zielbestände für eine Lieferfähigkeit von 90-100% berechnet. Das ermöglicht artikelfeine Auswertungen über Abnahmeverhalten und Verbräuche. 

Ausgehend von den Ergebnissen der Analyse ist ein Konzept entwickelt worden, welches zu einer bestandsarmen Produktion führt. Die Analyse zeigte unterschiedliches Verhalten in den verschiedenen Herstellungsstufen. Diese sind begründet durch Zusammenfassen von Losen oder entsprechende Lieferzeiten von Lieferanten oder von Mindestabnahmemengen um einige Beispiele der Differenzierung zu nennen.  Im nachfolgenden Bild ist beispielhaft für eine Fertigungsstufe die Dispositionsstrategie dargestellt: 

Abb. 4: Dispositionsstrategie
 

Hieraus ergibt sich folgende Strategie:

 

AB/X-Produkte sollen künftig bedarfssychron beschafft werden. Das bedeutet, dass hier möglichst mit Rahmenaufträgen gearbeitet werden soll. Falls das nicht möglich ist, kann auch eine kontolliert getaktete Abnahme mit den Lieferanten vereinbahrt werden. C/X Produkte und AB/YZ Produkte sollen auftragsbezogen beschafft werden. C/YZ Artikel sollten wegen der geringen Mengen prognosebasiert auf Vorrat liegen. 

Die Besonderheit bei der Firma Röslau ist jedoch die mehrstufige Fertigung, bei der, aufgrund herstellungsbedingter schwankender Materialzusammensetzung,  das Vormaterial nicht immer dem gleiche Endprodukt zugeordnet werden kann. Deshalb haben wir für jede Fertigungsstufe eine Lagerstrukturanalyse durchgeführt. Für jede Fertigungsstufe konnte so die optimale Bevorratungsstrategie entwickelt werden um den internen Kunden beliefern zu können. Dies ermöglicht einen reibungsärmeren Herstellungsprozess, da innerbetriebliche Turbulenzen reduziert werden.

Durch die Analyse konnte die Bevorratungsstrategie an das Abnahmeverhalten der Kunden angepasst werden. Der Fokus lag insbesondere auf Produkten mit volatilem Verbrauch. Interessant war auch zu sehen, mit welchem Bestand die Ziellieferfähigkeit zu erreichen ist. Nur mit diesem Wissen lassen sich Strategien entwickeln um langfristig Markt-Turbulenzen besser entgegen zu treten. 

Mit den Ergebnissen der Analyse hat auch der Vertrieb entsprechende Kenntnis, welche Auswirkung eine Lieferfähigkeitszusage auf den Lagerbestand hat und kann dies in die Preisgestaltung oder in die Bewertung des Auftrags mit einfließen lassen.

Der Praxisbericht zeigt, wie wichtig es ist, die Produktstruktur und das Abnahmeverhalten zu kennen. Durch die kürzer werdenden Produktlebenszyklen sollte aus unserer Sicht eine Überprüfung des Produktportfolios keine Ausnahme sein sondern zum Standard werden.