IPL-Magazin 17 | Oktober 2011 |
Autor:  Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier (IPL) 


"Adaptive Lieferantennetzwerke sind Voraussetzung, im Fall eines Lieferausfalls durch Veränderung der Lieferantenstrukturen reagieren zu können."
 

Prof. Dr. Klaus-Jürgen Meier (IPL)
"Dafür werden entsprechende Produktplanung und -gestaltung, flexible und standardisierte Geschäftsprozesse sowie kapazitive und technologische Reserven innerhalb des Unternehmens benötigt. Der Vorteil adaptiver Lieferantennetzwerke ist also nicht ohne Kosten zu haben, kann aber die Unternehmensexistenz retten. “

Adaptive Lieferantennetzwerke zur Absicherung der Lieferfähigkeit.

Bekannt war es schon vorher. Und doch hat die Katastrophe im weit entfernten Fukushima nochmals verdeutlicht, wie anfällig die Versorgung des deutschen Marktes auf Störungen reagiert. Ganze Industriezweige waren davon betroffen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Die Wettbewerbsfähigkeit fordert von den Unternehmen die Konzentration auf Kernkompetenzen und damit die Arbeitsteiligkeit. Es entsteht eine  Abhängigkeit von Lieferantenketten, die aufgrund der Globalisierung längst den gesamten Globus umspannen.

Adaptive Liefernetzwerke Bei einem Bruttoinlandsprodukt von ca. 2.500 Mrd. € im Jahr 2010 wurden Güter für fast 800 Mrd. € importiert. Japan belegte dabei aus deutscher Sicht mit 22 Mrd. € sogar nur Platz 14 in der weltweiten Rangliste der Importstaaten. Was wäre also die Folge, wenn beispielsweise die Versorgung aus China (Platz 1 mit einem Importvolumen von ca. 77 Mrd. €) unterbrochen ist?

Eine großflächige Naturkatastrophe mag die Ausnahme sein, für Unternehmen ist aber häufig der Ausfall einzelner Zulieferer schon schwierig genug. Die vielfältigen Ursachen dafür reichen von Schadensereignissen über Insolvenz oder Streiks bis hin zu banalen Planungsfehlern. Da eine Abkehr von der Konzentration auf Kernkompetenzen für Unternehmen derzeit als undenkbar erscheint, sind adaptive Liefernetzwerke zur Sicherung der Versorgung aufzubauen. Darunter versteht man ein Netzwerk an Lieferanten, welches äußerst kurzfristig und nur mit minimalem Aufwand verändert werden. Ein adaptives Lieferantennetzwerk beginnt bei der Rohstoffgewinnung und endet im eigenen Unternehmen.

Das Netzwerk entscheidet über das Risiko

Die Gestaltung eines Lieferantennetzwerkes ist entscheidend für das Ausmaß, in dem Lieferausfälle eines Lieferanten durch andere Lieferanten kompensiert werden können. Zwischen dem Ort eines Schadenereignisses (z.B. Produktionsausfall, Transportschaden) auf und dem eigenen Unternehmen können mehrere Instanzen (= Lieferanten und deren Unterlieferanten) liegen. Dabei kann es sogar sein, dass der Schaden gar nicht wahrgenommen wird, da andere (Unter-)Lieferanten in die entstandene Bresche springen., Absatzseitig kann es nicht nur zu einem Lieferausfall,  sondern auch zu erhöhter Nachfrage kommen, wenn ein Konkurrent seine Lieferverpflichtungen nun nicht erfüllen kann. Die gezielte Gestaltung des Liefernetzwerkes kann Unternehmen helfen, die Schadeneffekte zu kompensieren. Schäden haben eine Auswirkung sowohl in Lieferrichtung als auch entgegengesetzt. Letzteres ist dann der Fall, wenn sich die Nachfrage über die Produktionskapazität hinaus erhöht (aufgrund des Ausfalls eines anderen Lieferanten) oder wegbricht (da der Kunde ausfällt). In Zeiten hoher Konjunktur ist Ersatz für ausgefallene Lieferungen deutlich schwieriger erhältlich als bei niedriger Auslastung der Kapazitäten. Die Schadenswirkung ist also abhängig vom Schadenszeitpunkt.

Frühzeitiges Erkennen und Ergreifen von Vorbeugungsmaßnahmen sind unverzichtbar. Doch gerade das ist aufgrund der sich dynamisch wandelnden Beschaffungs- und Absatzmärkte sehr komplex. Klassische Instrumente wie die Fehlermöglichkeit-Einfluss-Analyse (FMEA) stoßen an ihre Grenzen. Die Risikoprioritätszahl, also das Produkt aus Schadenseintrittswahrscheinlichkeit, Schadenswirkung und Entdeckungswahrscheinlichkeit, täuscht eine stabile Bewertungslage vor. Beschaffungs- und Absatzmärkte sind aber ständig in Bewegung. So müsste auch die Risikoprioritätszahl diesen Veränderungen kontinuierlich nachgeführt werden, was aber mit erheblichem Aufwand verbunden ist.
 

Abb. 1 :  Die Gestaltung eines Lieferantennetzwerkes ist entscheidend für das Ausmaß, in dem Lieferausfälle eines Lieferanten durch andere Lieferanten kompensiert werden können. Besteht zudem die Möglichkeit, das Netzwerk ganz oder teilweise im Bedarfsfall schnell und aufwandsminimal zu verändern, so können Schäden vom eigenen Unternehmen abgewendet werden. Man spricht in diesem Fall von einem adaptiven Lieferantennetzwerk.
 

Geschwindigkeit und Flexibilität sind Trumpf

Die Unternehmen sind diesen Marktentwicklungen jedoch nicht hilflos ausgesetzt, sondern können immer noch maßgeblich die Risiken und potenziellen Schäden durch den Aufbau ihrer Lieferantennetzwerke selbst beeinflussen.

Je schneller auftauchende Gefahren erkannt werden und je größer die geschaffenen Handlungsspielräume in dem Netzwerk sind, desto geringer wird sich der Ausfall von Lieferanten auf die eigene Lieferfähigkeit gegenüber Kunden auswirken. In der Abbildung ist eine Auswahl von Gestaltungsansätzen zum Aufbau adaptiver Netze aufgeführt.  So kann beispielsweise bereits die Produktentwicklung durch die Auswahl geeigneter Werkstoffe verhindern, dass das Unternehmen in die Abhängigkeit von Angebotsmonopolen gerät. Durch die Vertragsgestaltung mit Lieferanten, die Festlegung des Beschaffungsmodells oder die konkrete Auswahl von Lieferanten ist der Einkauf beteiligt.  Eine enge Zusammenarbeit in allen Planungszyklen verstärkt das Wissen über die Lieferanten sowie das Verständnis untereinander. Kapazitive und technologische Reserven in der Produktion verschaffen ebenso Spielräume wie ein flexibles Distributionsnetz.

Kurze Lieferwege senken das Transportrisiko. Das (Beschaffungs-) Controlling hat kontinuierlich alle relevanten unternehmensinternen Kennzahlen, aber auch logistische und finanzielle Kennzahlen der Lieferanten zu überwachen. Damit wird ersichtlich, dass der Aufbau risikominimierter und damit adaptiver Lieferantennetze nicht die alleinige Aufgabe der Einkaufsabteilungen sein kann. Nahezu alle Disziplinen im Unternehmen haben für das Erreichen der Zielsetzung einen Beitrag zu leisten. Zur Realisierung eines adaptiven Liefernetzwerkes ist ein strukturierter und mehrstufiger Prozess erforderlich, der in definierten Abständen wiederholt durchlaufen werden muss. Der Ausgangspunkt ist die Fragestellung, welche Konsequenzen sich aus Lieferschäden in den folgenden Abstufungen ergeben.

Diese sind in steigender Wirkung sortiert:

  • die Lieferung kommt teilweise verspätet (z.B. Teillieferungen durch den Lieferanten)
  • die Lieferung kommt vollständig verspätet (z.B. Produktionsprobleme beim Lieferanten)
  • der Teil einer Lieferung fällt aus (z.B. Spezifikationsprobleme in der Abstimmung zwischen Lieferant und Kunde)
  • eine Lieferung fällt vollständig aus (z.B. vollständiger Transportschaden nach Annahme)
  • der Lieferant fällt mittelfristig aus (z.B. Kündigung des Vertrages durch Lieferanten)
  • der Lieferant fällt mit sofortiger Wirkung aus (z.B. unvorhergesehener Konkurs, Naturkatastrophe)


Da in keinem Fall von einer hundertprozentigen Liefersicherheit ausgegangen werden kann, ergeben sich aus den Konsequenzen für jede Frage unterschiedlich starke Risiken für das Unternehmen. In einer Chancen- und Risikoabwägung lassen sich die resultierenden Vor- und Nachteile gegenüberstellen. Es ergibt sich eine transparente Entscheidungsgrundlage für das Management um Notfallpläne aufzubauen oder präventive Maßnahmen einzuleiten.

Adaptive Liefernetzwerke — ein Analogon zur Evolution


Will ein Unternehmen den globalen Marktentwicklungen nicht als Spielball ausgesetzt sein, so muss es sich schnell und effektiv auf neue Situationen einstellen. Wie kurzfristig und unvorhersehbar Veränderungen auf Unternehmen einwirken, zeigen eindrucksvoll die Konjunkturkrise aus dem Jahr 2009 sowie die Naturkatastrophe von Fukushima.

Der Aufbau adaptiver Lieferantennetzwerke bietet Unternehmen die Chance, sich auf eine veränderte Unternehmensumgebung einzustellen und auf diese Weise die Unternehmensexistenz zu sichern. Damit verfolgen adaptive Lieferantennetzwerke dieselbe Ausrichtung, welche Tier- und Pflanzenarten im Laufe der Evolution erfolgreich vor dem Aussterben bewahrt hat. Zum Aufbau einer effektiven Anpassungsfähigkeit sind alle Unternehmensbereiche gefordert.


Abb. 2 :  Der Aufbau eines adaptiven Lieferantennetzwerks kann nicht alleine durch den Einkauf realisiert werden.  Nahezu alle Unternehmensfunktionen müssen einen Beitrag leisten, um Monopolsituation zu vermeiden und flexibel auf veränderte Randbedingungen reagieren zu können.n aus Abbildung 1)